Gerade war ich auf der Autobahn. Ganz unvermittelt stand ich plötzlich im Stau. Ging nicht vor und zurück ja sowieso nicht. Wie auf einem Parkplatz. Wen wundert‘s, dass meine Laune innerhalb weniger Minuten von „Ist das Leben nicht schön?“ auf „Was ist das hier eigentlich für eine Scheiße?“ abgerutscht ist. Ich wollte schon – so ehrlich bin ich – lauthals rumfluchen, da mach ich das Radio an und höre, dass die Stauursache wohl ein Unfall ist, der sich irgendwo vor mir ereignet hat. Statt zu fluchen ziehe ich es vor – und das klingt wahrscheinlich jetzt ziemlich fromm – für die Unfallopfer zu beten. Tatsächlich nur wenige Augenblicke später löst sich der Stau auf und ich habe wieder freie Fahrt.

Was will ich damit sagen? Etwa, dass sich wegen mir der Stau aufgelöst hat? Das zu behaupten entbehrt jeder Logik, weshalb ich es auch nicht tue. Auf der anderen Seite kann natürlich das, was uns unlogisch vorkommt, für Gott durchaus logisch sein, aber das nur am Rande. Worauf ich eigentlich hinaus will ist, dass Gebetserhörung typischerweise nicht so funktioniert, dass Gott alles um uns herum verändert, sondern, dass er uns verändert. Wie komme ich aber auf Gebetserhörung, wo ich doch gar nicht für freie Fahrt gebetet habe? Nun, möglicherweise erhört Gott Gebete auf vielfältige Weise und anders als wir denken. Was mit den Unfallopfern ist, weiß ich nicht, aber Gott wird sich – mit oder ohne mein Gebet – schon irgendwie um sie gekümmert haben. Was aber mich angeht, vielleicht wollte mich Gott eine Lektion lehren. Und zwar die, dass Gebet immer dann am wirkungsvollsten ist, wenn man von sich weg auf andere schaut. Scheinbar ist das eines von Gottes Prinzipien: Wenn wir für andere beten, sie segnen, ihnen vergeben oder uns um sie kümmern, dann antwortet, segnet, vergibt und versorgt Gott uns. Da mir das nicht aufgefallen wäre, wenn Gebet und Stauende nicht miteinander korreliert hätten, hat Gott zwar (höchstwahrscheinlich) nicht extra für mich den Stau aufgelöst, aber er hat dafür gesorgt, dass ich den Impuls zu beten genau im richtigen Moment hatte.

Wenn man nun ganz allgemein danach fragt, wie Gott handelt, dann würde ich antworten: Er handelt, indem er uns dazu befähigt, den Zufall zu gestalten und so etwas Sinnvolles aus ihm zu machen. Angenommen also, der Unfall ist zustande gekommen, indem zwei Autos miteinander kollidiert sind. Nun könnte man sagen, irgendwer hat einen Fahrfehler begangen, aber letztlich war es Zufall, dass sich diese beiden Autos genau an diesem Tag zu diesem Zeitpunkt begegnet sind. Dass aber dann Krankenwagen angerauscht sind und Sanitäter sich um die Verletzen gekümmert haben (und ja, auch für die Verletzen gebetet wurde), da haben Menschen willentlich in den Zufall eingegriffen und ihm dadurch Sinn verliehen.

Noch etwas allgemeiner könnte man vielleicht auch sagen: Gott handelt, indem er Menschen vor Möglichkeiten stellt. Passiert also ein Unfall, dann habe ich die Möglichkeit, vorbeizugehen oder zu helfen. Regnet es draußen, kann ich drinnen bleiben oder mir Regenkleidung anziehen. Begegne ich einer Person, die ich nicht mag, kann ich meine Stereotypen pflegen oder mich dafür entscheiden, das Gute in ihr zu sehen. Das Prinzip dürfte klar sein: Immer und überall werden wir vor die Wahl gestellt. Gott hat das so eingerichtet, damit wir – egal, welche Entscheidung wir treffen – daraus lernen und uns weiterentwickeln.

Nun könnte man meinen, Gott hat ein grenzenloses Vertrauen in die Menschheit, dass er ihnen die Wahl lässt, obwohl Dinge wie Auschwitz passieren. Aber das stimmt so nicht. Auschwitz ist kein Ausrutscher oder Rückschlag auf dem Weg zu einem besseren Menschen, sondern Auschwitz ist der Beweis (einer von vielen), dass der Mensch nicht dazu geschaffen wurde, seine Entscheidungen alleine zu fällen. Gott stellt den Menschen zwar vor die Wahl, aber er will und muss ihm auch dabei helfen, das Gute zu wählen. Auschwitz ist der Preis, den Gott bezahlt, damit wir zu dieser Einsicht gelangen.