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  • Der Trick des Teufels

    Der von mir sehr geschätzte Joseph Ratzinger meinte einmal, der Unterschied zwischen Gott und Teufel liegt darin, dass Gott dem Menschen einen Namen gibt, während der Teufel Nummern verteilt. Und das ist eigentlich auch schon der ganze Trick. Der Teufel reduziert den Menschen auf seine Funktion. Ohne freien Willen und Persönlichkeit. Denn wer nur noch funktioniert, der braucht weder das eine noch das andere. Und das macht es für den Teufel dann auch so leicht, seine Ziele zu verfolgen, denn wer keinen Willen hat, der leistet auch keinen Widerstand und man kann ihn formen wie Wachs.

    Letztlich ist das wie mit Drogen. Ist man erst einmal abhängig, dann dreht sich alles um den nächsten Rausch, wobei das eigene Leben immer mehr an Bedeutung verliert, bis man sich selbst irgendwann nicht mehr als Person begreift, sondern nur noch als Gegenstand, mithilfe dessen sich Drogen beschaffen oder konsumieren lassen.

    Und wie mit Drogen, so ist das wohl auch mit politischen oder religiösen Wahnvorstellungen. NAZI-Deutschland ist in dem Zusammenhang ein gutes Beispiel, um deutlich zu machen, was mit Menschen passiert, die sich blind und bedingungslos einer kranken Ideologie verschreiben. Und dabei ist es sogar egal, ob man die Ideologie überhaupt verstanden hat, in aller Regel genügt es, die kranke Luft einzuatmen, die einen umgibt. Oder aktuell der ISIS-Terror. Menschen mutieren zu Zombies, die nur Befehle ausführen, aber ihren Sinn für das Leben längst hinter sich gelassen haben.

    Das generelle Problem bei alledem ist wahrscheinlich, dass der Mensch als Beziehungswesen gar nicht anders kann als in Abhängigkeiten zu leben. Gehen dann die guten Abhängigkeiten, z.B. zur Familie oder zu echten Freunden, verloren, dann ist die Gefahr groß, dass sich in diesem Vakuum schlechte Abhängigkeiten breit machen.

    Warum die guten Abhängigkeiten aber überhaupt verloren gehen, liegt wohl daran, dass keine Beziehung perfekt ist und daher die eigentlich guten Abhängigkeiten schnell ins Negative verkehren. D.h. es ist gut, wenn die Mutter ihr Kind beschützen will, aber es ist schlecht, wenn sie es besitzen will. Oder es ist gut, jemanden helfen zu wollen, aber es ist schlecht, jemanden dadurch kontrollieren zu wollen. Weil daher eigentlich jede Beziehung ständig davon bedroht wird, durch falsche Forderungen und Erwartungen unterlaufen zu werden, kann der Mensch nur in Beziehung zu Gott eine vollkommen gesunde Abhängigkeit erleben. Denn Gott gängelt nicht. Gott ist Freiheit. Und wer von der Freiheit abhängig ist, der ist wirklich frei.

  • Das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder: Gibt es einen Weg zurück zu Gott?

    Ich setze das Gleichnis vom verlorenen Sohn einfach mal als Kulturgut voraus. Die klassische Interpretation lautet, dass sich der Mensch von Gott abwendet, um seinen eigenen Weg zu gehen, wobei er scheitert und dann doch wieder zu Gott zurückfindet. Das klingt annehmbar, ist allerdings nicht das, was Jesus im Sinn hatte. Jedenfalls nicht, wenn man dem Theologen Tom Wright Glauben schenkt. Das Gleichnis ist also im eigentlichen Sinne kein Prototyp für eine persönliche Bekehrungsgeschichte, sondern worum es geht, ist die Geschichte Israels ins Exil und aus dem Exil zurück. D.h. es ist das ganze Volk Gottes, das sich von Gott abwendet und als Konsequenz daraus ins Exil muss. Indem Jesus nun den verlorenen Sohn zum Vater zurückfinden lässt, sagt er, dass Israel zu Gott zurückfinden wird. Der Kniff ist aber nun, dass Jesus, indem er von Israel redet, von sich selbst redet. Er ist Israel. Er ist Gott und er ist Mensch. Bzw. er verkörpert Gott und als Mensch verkörpert er Israel. Jesus nimmt den Platz Israels am Schweinetrog ein. Und Jesus ist es, dem es gereut und zum Vater zurückkehrt. Indem er sich aber voll und ganz mit Israel identifiziert, kehrt in ihm gleichsam auch das ganze Volk zum Vater zurück. Allerdings selbstredend nur, wenn es sich selbst voll und ganz mit Jesus identifiziert. Denn nur dann sieht der Vater den heimkehrenden Sohn und durch den Sohn hindurch sein heimkehrendes Volk.

    Heruntergebrochen auf die persönliche Ebene heißt dies, dass der Mensch soweit von Gott entfernt ist, dass er, auf sich allein gestellt, niemals zu ihm zurückfinden wird. Daher ist es praktisch unmöglich, sich auch nur einen Meter auf Gott zu zu bewegen. Stattdessen ist es Gott selbst, der in Jesus die komplette Strecke, die zwischen ihm und uns liegt, überwindet, um uns genau dort, wo wir gerade stecken, abzuholen und zurück zum Vater zu bringen. Wenn Jesus demnach sagt „Ich bin der Weg...niemand kommt zum Vater denn durch mich“, dann heißt dies, dass nur er allein den Weg zurück kennt und wir gut daran tun, uns an seine Ferse zu heften.

    Wenn sich aber nun der Vater mit dem Sohn und der Sohn mit dem Gottesvolk identifiziert, wobei das Gottesvolk jedes einzelne Mitglied repräsentiert, dann ist die Reise zurück zu Gott kein Singletrip, sondern dann ist es – und dies ist mein Plädoyer für die Kirche – ein gemeinschaftliches Voranschreiten in den Fußstapfen von Jesus.

  • Gott und Geist – real, aber unsichtbar

    Ich denke gerade an einen blauen Ball mit einem ganz bestimmten grün gezacktem Muster. Ist dieser Ball real? Und wenn ich ihn aufmale, ist das Bild von dem Ball dann real? Und wenn ich dieses Bild Adidas schicke, damit die daraus einen Ball fertigen, hat dieser Ball, der ja offenkundig real ist, mehr Realität als der Ball in meinem Kopf? Ich denke nicht, denn abzüglich meiner Idee von dem Ball, würde von dem echten Ball nur ein Stück Gummi oder Leder übrigbleiben.

    Wenn aber meine Idee von dem Ball – die ja ein Gedanke ist, der ja Geist ist – mehr Realität hat, als der Ball selbst, obwohl die Idee weder messbar noch sichtbar ist, dann ist es relativ logisch, dass Gott, der ja auch Geist ist und damit unsichtbar, viel mehr Realität zukommt als den Dingen, die wir vor Augen haben.

    Die Dinge sind sozusagen nur ein Ausdruck des Geistes, nur das Papier, welches der Geist mit Inhalt füllt. Und so gesehen ist es mit Gott und uns vielleicht so ähnlich wie mit Goethe und Werther. Beide gehören unterschiedlichen Dimensionen an und dennoch trägt Werther die Spuren Goethes.

    Aber weg vom Buch und wieder hin zum Gehirn. Wenn also ein Gedanke an sich zwar nicht messbar ist, aber sehr wohl die neuronale Struktur, die der Gedanke im Gehirn hinterlässt, dann ist das mit Gott vielleicht auch so. Dann können wir ihn zwar nicht sehen, aber dennoch seine Spur verfolgen, die sich durch die Welt zieht wie eine Neuronenkette durchs Gehirn.

  • Leben light

    Gerade wieder gesehen. Die Leute gehen nicht mehr Laufen, sie gehen Walken. Und das auch gerne ganz ohne Walkingstöcke, gemütlich nebeneinander her plaudernd. Früher gab es dafür ein anderes Wort: „Spazieren gehen“. Aber heute nennt man das „Walken“ und man trägt dazu Sportbekleidung und gönnt sich anschließend einen Isodrink.

    Früher haben die Leute auch gefastet, was so viel hieß, dass man nichts essen und höchstens Wasser trinken durfte. Heute fasten die Leute auch. Aber nicht mehr so streng, das hält ja keiner aus, sondern eher von Sachen wie Süßigkeiten oder Fernsehen oder wenigstens Süßigkeiten beim Fernsehen.

    Tja, und früher dachte man außerdem, wenn Jesus sagt, verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen und folge mir nach, dann heißt das soviel wie verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen und folge mir nach. Heute liest man das etwas anders, eher so, von wegen, bezahl` deine Steuern und geh ab und zu auch ruhig mal in die Kirche. Und wem das an Spiritualität nicht reicht, der geht halt Walken oder fastet Süßigkeiten.

  • Was ist Wahrheit?

    „Und Gott sah alles, was er gemacht hat, und es war sehr gut“. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Wahrheit, um mal ein großes Wort zu nennen, nicht im Funktionalen liegt, sondern in dem, was ich jetzt vorläufig, und nicht, ohne an Kierkegaard zu denken, das Ästhetische nenne. Ich meine, Evolutionsbiologen werden ja nicht müde, uns zu erklären, dass das menschliche Auge eigentlich ziemlicher Pfusch ist. Aber wenn ich dann durchgucke, um mir damit einen Sonnenuntergang oder sonst irgendwas Schönes anzusehen – Autos, Menschen, Spiegel – die Geschmäcker sind verschieden, dann kommen mir meine Augen eigentlich ziemlich perfekt vor. Und vielleicht ist das ja auch des Pudels Kern. Vielleicht kristallisiert sich Wahrheit heraus, wenn wir das, was wir sind, nicht nur analysieren, sondern einsetzen, um uns zu dem, was wir nicht sind, in Beziehung zu setzen.

  • Wird es im Himmel mit der Zeit langweilig?

    Die Sache ist, gibt es im Himmel überhaupt Zeit? Ich würde meinen, irgendwie schon, denn weil Bewegung Zeit voraussetzt und Kreativität Bewegung voraussetzt und Gott kreativ ist, muss es im Himmel auch irgendeine Art von Zeit geben. Vielleicht nicht unbedingt irdische Zeit, aber doch so was wie ewige Zeit. Oder äonische Zeit, wie Theologen sagen und damit meinen, dass die Zeit im Himmel weder Anfang noch Ende hat. Bewegt man sich also im Himmel in der Zeit, dann bewegt man sich wie auf einer Kugel – man kommt voran und doch nie ans Ende.

    Besteht die Qualität des Himmels aber darin, dass wir bis zum Rand mit der Gegenwart Gottes voll sind, dann hat sich das mit der Langeweile sowieso erledigt, denn wo es kein Defizit gibt, da kann auch keine Langeweile aufkommen. So wie im Kino, wenn mein Lieblingsfilm läuft. Zwei Stunden geht der, aber ich bin während der ganzen Zeit so davon ausgefüllt, dass es mir vorkommt, als würde ich nur einmal zwinkern und schon ist er vorbei. Geht dann aber zum Schluss das Licht an, spüre ich auf einmal wieder alle meine Defizite und mir kommt es ewig lang vor, bis wir endlich bei McDonalds sitzen.

    Wenn es aber bereits ein Film schafft, mich in leichte Hypnose zu versetzen (psychologisch gesehen ist es genau das), dann sollte der Himmel – sollte die Gegenwart Gottes – eigentlich berauschend genug sein, um mich so auszufüllen, dass an Langeweile gar nicht zu denken ist.

  • Monarchie, Demokratie, Theokratie - auf dem Weg in eine gerechte Gesellschaft?

    Mal ein bisschen Staatslehre: Thomas Hobbes hatte den Leviathan seinerzeit geschrieben, um dadurch die Monarchie zu stützen, in der es einen Souverän gibt, der für das Wohl aller anderen verantwortlich ist. Er begründet dies sozialpsychologisch. Da nämlich alle Menschen von Natur aus nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben, versucht sich jeder auf Kosten der anderen zu verwirklichen. D.h. je mehr Macht und Güter man anhäuft, desto bessere Chancen hat man, sich selbst zu erhalten, bzw. desto größer fällt der Lustgewinn aus. Daraus erwächst natürlich eine unzähmbare Gier, die dazu führt, dass die Starken immer mehr und die Schwachen immer weniger besitzen. Da die Schwachen aber ebenso wie die Starken nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben, lassen sie sich die Missstände nicht einfach gefallen, sondern schlagen zurück, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Wozu das alles führt, das fasst Hobbes in seinem wohl berühmtesten Satz zusammen: „Homo homini lupus“ - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf!

    Aus dieser Einsicht begründet er dann die absolute Monarchie, denn da unter diesen Verhältnissen von Angst und Misstrauen keiner vernünftig leben kann, bedarf es eines Souveräns, der für Recht und Ordnung sorgt. Das Problem dabei ist nur, dass natürlich auch der Souverän nach Selbsterhaltung und Lustgewinn strebt, weswegen die Gefahr groß ist, dass auch er seine Macht für die eigenen Zwecke missbraucht.

    Trotz dieser Gefahr, dass der Souverän zum Despoten verkommt, sieht Hobbes in der absoluten Monarchie mangels Alternativen dennoch die bestmögliche Staatsform.

    Andere Denker haben das natürlich völlig anders gesehen und spätestens im Zuge der französischen Revolution hat man entschieden, dass die Gefahr, die von einem Souverän ausgeht, viel zu groß ist und daher alle Macht allein vom Volk ausgehen muss. Wenn aber auf einmal nicht mehr nur einer, sondern alle zusammen das Sagen haben, dann bedarf es, damit aufgrund von Eigendünkel nicht wieder Chaos ausbricht, eines Gesellschaftsvertrages, auf den sich alle einigen können und der daher auch von allen freiwillig eingehalten wird.

    Nun hat die Philosophiegeschichte eine Menge Gesellschaftsverträge hervorgebracht; einer, der mir besonders gut gefällt, ist der von John Rawls. Kurz angerissen beruht er auf der theoretischen Annahme, dass sich die Menschen, während sie über eine gerechte Gesellschaftsordnung nachdenken, unter einem Schleier des Nichtwissens befinden. D.h. keiner kennt seine Position, die er in der Gesellschaft einnehmen würde und niemand ist sich sicher, welche Qualifikationen und Fähigkeiten er mitbringt. Da somit die Gefahr groß ist, sich auf einer minderbemittelten Position wiederzufinden, sollte jedem daran gelegen sein, dass jede Position gute und lebenswerte Bedingungen bietet.

    Das Problem von Rawls Theorie ist natürlich, dass es lediglich ein Gedankenspiel ist und damit nicht praxisrelevant, da die gesellschaftlichen Positionen schon längst vergeben sind. Und dennoch wird sehr deutlich, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, wenn die Leute nach Gerechtigkeit und eben nicht nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben würden. Weil aber, wie gesagt, die Positionen bereits vergeben sind, ist der innere Zwang, das Eigene zu verteidigen und zu vermehren natürlich stärker als das Streben nach Gerechtigkeit. Und somit legt die Praxis dann auch die große Schwäche der Demokratie offen; dass nämlich diejenigen, die in gute Verhältnisse hineingeboren werden, immer am längeren Hebel sitzen und daher viel größeren Einfluss nehmen können als die gesellschaftlich Unterprivilegierten. Und da jeder im Normalfall zu seinen eigenen Gunsten Einfluss nimmt, bleibt dann auch in der Demokratie der Mensch dem Menschen ein Wolf. Nur dass es, wie in der Monarchie, keinen Oberwolf gibt, sondern ein starkes und ein schwaches Rudel, die zwar von einer gesetzgebenen Gewalt in Schach gehalten werden, aber sich dennoch gegenseitig beißen.

    Natürlich ist das ganz so schwarz weiß auch alles nicht, denn zum Glück hat jeder Mensch einen mehr oder weniger gut ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der ihn dazu befähigt, die eigenen Interessen hinter denen der Sozialgemeinschaft zurückzustellen. Aber wie das halt so ist endet das Streben nach Gerechtigkeit in der Regel dort, wo der eigene Nachteil zu groß wird.

    Insofern ist die Demokratie möglicherweise die zurzeit bestmögliche, aber immer noch keine gute Staatsform, da auch sie Ungerechtigkeit nicht verhindern kann. Mit der Gerechtigkeit ist es aber so: Jeder spürt, dass Altruismus eine viel höhere, edlere und menschlichere Eigenschaft ist als Egoismus. Und so war z.B. auch jedem klar, dass der Kapitän des kürzlich gesunkenen Schiffes an Bord bleiben hätte müssen, statt als Erster zu fliehen. Aber sei es aus Angst oder aus übertriebener Selbstliebe – der Mensch neigt nun einmal dazu, sich höher zu schätzen als den Anderen, weswegen das eigentliche Problem nicht der Staat, sondern der Mensch selbst ist.

    So gesehen wäre ein absolut gerechter, selbstloser und nicht korrumpierbarer Souverän, der den Menschen die Richtung vorgibt, die sie von selbst aus nicht einschlagen können, tatsächlich die bestmögliche Staatsform. Da solch ein moralisch unfehlbarer Souverän aber kein Mensch sein kann, liegt viel Hoffnung in dem biblischen Zeugnis, dass die Gesellschaft im Letzten nicht demokratisch, sondern theokratisch gedacht ist. Allerdings ist auch – das sieht man an der Geschichte Israels - eine Theokratie, in der Gott selbst die Richtung vorgibt, zum Scheitern verurteilt, insofern der Mensch in diese Richtung gepeitscht werden muss, ohne einen natürlichen Drang zu verspüren, die Richtung von sich aus einzuschlagen. Und daher ist das Bild, welches das Alte Testament von einer Theokratie zeichnet, auch nicht vollständig. Was fehlt, ist der neutestamentliche Gedanke, dass Gott nicht nur von außen, sondern auch von innen regiert, indem er die Herzen auf die von ihm vorgegebene Richtung neu justiert. Und natürlich: Wenn es Gott ist, der den Menschen erhält und wenn es Gott ist, der den Menschen glücklich macht, dann benötigt der Mensch seinen egoistischen Antrieb gar nicht mehr und kann sich ganz ohne Angst, zu kurz zu kommen, um die Anderen kümmern.

  • Warum musste Jesus sterben? - Episode: Der Auszug aus Ägypten

    Das Thema ist wichtig, daher auf in eine neue Runde. Wenn jemand umgebracht wird, dann ist es als Detektiv, der ich nicht bin, wahrscheinlich notwendig, sich die vorausgehenden Ereignisse mal etwas genauer anzusehen. Im Fall von Jesus hat er am Abend vor seiner Hinrichtung noch mit seinen Jüngern das Passahmahl gefeiert. Und das natürlich nicht ohne Grund, er tut es, um deutlich zu machen, dass man seinen bevorstehenden Tod nur im Lichte von Passah vernünftig beurteilen und einordnen kann.

    Passah, das weiß man oder auch nicht, bedeutet „Vorüberschreiten“ und erinnert daran, dass die Israeliten in der Nacht vor ihrem Auszug aus Ägypten den Türpfosten ihrer Häuser mit Blut beschmieren mussten, damit der Todesengel an ihnen vorüberzieht. Der Todesengel war wiederum im Einsatz, weil Ägypten Israel nicht ziehen lassen wollte, so dass Gott gezwungen war, diejenigen Mächte zu brechen, die den Auszug verhinderten.

    Wenn Jesus nun das Passahmahl mit den Worten einsetzt, dass der Wein, den sie zu trinken vorhaben, eigentlich sein Blut ist, das er für sie vergießen wird, dann liegt die Parallele zu Passah eigentlich auf der Hand. So wie den Israeliten befohlen war, ihren Türpfosten mit dem Blut der geschlachteten Lämmer zu beschmieren, so fordert Jesus seine Jünger – das neue Israel – dazu auf, den Türpfosten ihres Herzens mit seinem Blut zu beschmieren, damit der Todesengel auch hieran vorüberzieht. Weil das Herz immer auch das wahre Selbst einer Person symbolisiert, könnte man auch so sagen: Worum es bei dem neuen, von Jesus eingesetzten Passah geht, ist ein Auszug aus dem alten Leben hinein in ein neues Leben, wobei alles, was das wahre Selbst daran hindert, diesen Schritt zu gehen, beseitigt werden muss. Diejenigen Dinge also, die den Menschen in der Endlichkeit festhalten wollen, müssen sterben, während der Mensch selbst freigesetzt wird, ein neues Leben mit Ewigkeitswert zu beginnen.

    Und nun ist vielleicht aus etwas deutlicher, warum Jesus davon spricht, dass sein Blut zur Vergebung der Sünden vergossen wird. Denn die Sünde ist ja genau das, was einen Menschen in der Endlichkeit und damit in dem Zug Richtung Todestal gefangenhält. Und so wie die Israeliten in Ägypten von ihrem Denken und Selbstverständnis her möglicherweise immer mehr selbst zu Ägyptern geworden sind, so wird ein Mensch, der sein ganzes Leben im Zug sitzt, möglicherweise irgendwann selbst zum Zug, oder zählt sich wenigstens zum Interieur. Und ebenso wird ein Mensch, der sein ganzes Leben sündigt, irgendwann selbst zur Sünde, so dass Sünder und Sünde ineinander übergehen und man gar nicht weiß, wo der eine anfängt und das andere aufhört.

    Und daher gilt: So wie es das Blut an den Türpfosten Israels möglich gemacht hat, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, so macht es das Blut an den Türpfosten des Herzens möglich, zwischen dem Selbst und der Sünde zu unterscheiden, in die das Selbst verstrickt ist. Das also, was von dem Blut bedeckt ist, das ist von der Sünde befreit und damit frei für die Ewigkeit, wogegen das, was nicht vom Blut bedeckt ist, den Lauf der endlichen Dinge nimmt. Oder anders gesagt: Hat es der Tod auf die Sünde abgesehen, dann ist es ratsam, nicht mehr von ihr geritten zu werden, denn ansonsten geht man im schlimmsten Fall selbst mit drauf.

  • Ich denke, also bin ich?

    Es ist mindestens interessant, dass die Geburt der Moderne (bzw. der modernen Philosophie) von einem Gedanken eingeleitet wird, der eigentlich das Gegenteil von dem beinhaltet, worum es im christlichen Glauben geht. „Ich denke, also bin ich!“ sagt Descartes und rückt damit den Menschen ins Zentrum aller Welterkenntnis. Und noch mehr: Wenn der Mensch weder Gott noch die Welt begründen kann, sondern nur sich selbst, dann ist er automatisch auch der Mittel- und Ankerpunkt des Lebens. Statt um Gott, dreht sich fortan alles um ihn. Rein historisch schließt sich daran nicht nur der Humanismus an, sondern auch ein gewisser Machbarkeitswahn, der den Menschen dazu verleitet, über das Leben eigenmächtig zu verfügen und dabei alles (auch an Ideologie) zu beseitigen, was ihm, so wie er sich selbst erkennt, im Wege steht.

    Aber wie genau war das nochmal bei Descartes? Ich glaube mich zu entsinnen, dass er es für möglich hielt, hinsichtlich allem, was er zu wissen glaubt, von einem bösen Dämon getäuscht zu werden. Allerdings: Der Dämon kann ihn zwar hinsichtlich allem täuschen, aber er kann ihn nicht dahingehend täuschen, dass er es ist, der sich täuscht. Oder anders gesagt: Wenn er auch an allem zweifelt, dann doch nicht daran, dass er zweifelt. Weil Zweifel aber eine Form des Denkens ist, kommt Descartes zu dem berühmten Schluss: Ich denke, also bin ich.

    Nun haben viele kluge Leute viele gute Argumente vorgebracht, warum man das auch anders sehen kann. Ich will an dieser Stelle nur erwähnen, dass laut, ich sag mal, naturalistisch geprägter Neuropsychologie das Ich nur eine Illusion ist, was insofern an Descartes Grundfesten rüttelt, als dass zwar kein Dämon, aber dafür der Denkapparat einen dahingehend täuscht, dass da überhaupt jemand ist, der sich täuschen lässt.

    Die christliche Alternative lautet dagegen gerade nicht, dass man sich seiner selbst gewiss sein kann, sondern, viel bescheidener, dass man seine Hoffnung auf jemand anderes setzen muss, der für die eigene Existenz garantiert. Da alle Menschen aber im Verdacht stehen, sich hinsichtlich ihrer selbst zu täuschen, kann dieser Andere natürlich nur ein höchstes Wesen sein, über dem keine andere Wirklichkeit existiert, die ihn zu täuschen vermag.

    Insofern wäre die einzige Gewissheit, die man über die eigene Existenz haben kann, diejenige, die ein höchstes Wesen einem zuspricht. Selbsterkenntnis wäre damit nur über den Umweg der Gotteserkenntnis möglich. Oder besser gesagt, über den Umweg des Gottvertrauens, denn wie soll ich Gott erkennen, wenn ich noch nicht einmal mich selbst erkenne? Wenn aber Gott der einzige „Strohhalm“ ist, der mir bleibt, um mir meiner selbst gewiss zu sein, dann müsste man eigentlich Descartes` Satz „Ich denke, also bin ich“, bzw. präziser „Ich zweifle, also bin ich“ ins genaue Gegenteil verkehren und sagen „Ich glaube, also bin ich!“

    Oder wie es die Jünger von Jesus formulieren: „Herr, wohin sonst sollen wir gehen, nur du hast Worte des ewigen Lebens!"

  • Jesus und die Frage nach dem Leid

    Ein Gedanke, etwas verspätet zu Karfreitag: Wenn Jesus wirklich der „heruntergekommene Gott“ ist, der in seinem kurzen Menschenleben von Hunger, Krankheit, Erniedrigung, Ablehnung, Verachtung bis hin zu einem extrem qualvollen Tod eigentlich alles an Leid erlebt, was das Leben so aufzuwarten hat, dann ist es gar nicht mehr so einfach, Gott für das, woran wir leiden, an den Pranger zu stellen. Denn nur, wenn Gott dem Leid diametral gegenübersteht, kann man ihn fragen, warum er es zulässt. Ist er aber mittendrin und leidet als Vater, Freund und Bruder an unserer Seite, macht die Frage eigentlich keinen Sinn mehr, bzw. dann kann man höchstens nur noch so fragen: Gott, wenn du allmächtig bist, warum ziehst du es vor, statt das Leid einfach aus der Welt zu schaffen, mit uns zu leiden?

    Die Antworten darauf sind vielfältig, ich versuch es mal so: Ein Mann bringt jemanden um oder raubt ihn aus oder egal was. In jedem Fall wird er eingesperrt. Fortan sitzt er in einem dunklen Gefängnis, wird von den Wärtern geschlagen und bekommt aufgrund von Nässe und Kälte die schlimmsten Krankheiten. Weil sein Vater kein geringerer als der König des Landes ist, hat der Mann große Hoffnung, schnellstmöglich entlassen zu werden. Doch das passiert nicht. Stattdessen wird irgendwann die Gefängnistür aufgerissen und man schmeißt einen weiteren Sträfling hinein. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Mann, dass es sein Vater ist. Anstatt seinen Sohn abseits von Recht und Gesetz zu begnadigen, hat er sich dafür entschieden, ihm in seiner größten Not beizustehen.

    Die Frage ist nun, was Vater und Sohn wirklich zusammenschweißt? Der Umstand, dass der Vater König ist und als solcher eine Amnestie unterschreiben könnte? Oder der Umstand, dass er von seinem Thron herabsteigt und selbst zum Sträfling wird, um so seinem Sohn in Dreck und Dunkelheit nahe zu sein? Die Antwort auf das Leid ist immer die Liebe. Die Antwort Gottes auf den Menschen ist immer das Kreuz.

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