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  • Warum es gut ist, dass Paderborn und Freiburg abgestiegen sind

    Da sind gestern wieder eine Menge Krokodilstränen geflossen. Bei den Zuschauern, bei den Spielern. In Freiburg, in Paderborn. Und bald dann auch in Hamburg. Jedenfalls dachte ich mir, der ich das Ganze (als Dortmund-Fan) eher mit neutralen Gefühlen mit angesehen habe, dass etwas Leid zum Leben doch auch dazu gehört. Oder wo kämen wir hin, wenn ein ehemaliger Waldorfschüler zum nächsten DFB-Präsidenten gewählt würde und er als erste Amtshandlung die Abstiegsränge abschaffen würde, so dass am Ende der Saison alle lachen und keiner mehr weinen muss. Und wenn er schon dabei ist, würde er gleich noch die Meisterschaft mit abschaffen, denn wenn man ehrlich ist, gewinnen Gewinner ja sowieso immer nur auf Kosten von Verlieren. Punkte gebe es natürlich auch nicht mehr, nur noch Freundschaftsspiele. Keine Niederlagen, keine Gegner, kein brutales Umbolzen, keine Tränen. Eine Reform der Liebe und Menschlichkeit!

    Und wenn er dann nach getaner Arbeit nach Hause käme, dann würden da wahrscheinlich seine über vierzigjährigen Kinder auf ihn warten, die immer noch bei ihm wohnen, weil er es nie übers Herz gebracht hätte, sie rauszuschmeißen; herzlos in die kalte, raue Welt zu schubsen. Ja, sogar gut möglich, dass sie immer noch im Laufstall säßen, da er seine große Sorge, sie könnten jenseits der Stäbe stürzen oder gar sterben, nie ganz ablegen konnte. Und seine Frau? Seine Frau wäre wahrscheinlich ziemlich dick. Denn nicht nur, dass er sie aus lauter Liebe nach Strich und Faden verwöhnt hätte. Mit Frühstück im Bett und Erdbeeren im Bett und Pralinen im Bett. Er hätte sie gleichsam auf Händen getragen. Und das buchstäblich. Den ganzen Tag. Bis sie gar nicht mehr alleine hätte gehen können. Und dann hätte sie vielleicht gerne etwas Sport gemacht, aber er hätte es nicht mit ansehen können, wie sie sich quält und abmüht. Und sie hätte gerne eine Diät gemacht, aber sie hungern zu sehen, das wäre für ihn das Schlimmste gewesen. Und so wäre sie wahrscheinlich schnell krank geworden. Und er wäre froh gewesen, sich um sie kümmern zu dürfen.

    Es sollte klar sein, dass das Leben ein Kampf ist, den man annehmen muss und zu dem Leiden und Niederlagen zwangsläufig dazu gehören. Auf der anderen Seite würde ich aber nun auch nicht behaupten wollen, dass man leiden muss, um überhaupt glücklich zu sein. Oder dass man unbedingt drei unglückliche Beziehungen gehabt haben muss, um eine glückliche genießen zu können. Vielmehr ist es doch so, dass ich eine glückliche Beziehung genieße, weil sie glücklich ist und an einer unglücklichen Beziehung leide, weil sie verdammt nochmal eigentlich glücklich sein sollte. Oder Paderborn und Freiburg – die leiden nicht daran, jetzt in der zweiten Liga kicken zu müssen, sondern die leiden daran, nicht mehr in der ersten Liga spielen zu dürfen. Und da kann ich nur sagen, Gott sei Dank ist das Leben so eingerichtet, dass es nach Glück und nicht nach Leid strebt und somit der Mensch zwar glücklich ist, weil er glücklich ist, aber nicht leidet, weil er leidet, sondern leidet, weil er nicht glücklich ist, aber gerne glücklich wäre.

  • Am Kreuz – hat der Vater den Sohn verlassen?

    Mein Gott warum hast du mich verlassen? fragt Jesus am Kreuz. Drei Bilder habe ich dazu im Kopf. Aus Mangel an Talent kann ich sie aber nicht aufmalen, sondern bin gezwungen, sie irgendwie aufzuschreiben. Und weil es mir zudem an theologischer Expertise fehlt, will ich sie gar nicht groß bewerten, sondern einfach unkommentiert nebeneinander stehen lassen.

    Das erste Bild: Die Sünde trennt den Sohn vom Vater
    Der Sohn wird ans Kreuz geschlagen. Der Vater nimmt den Menschen ihre Schuld von den Schultern und überschüttet damit den Sohn. Der Sohn lässt es geschehen, weil er weiß, dass dies seine Bestimmung ist. Er ist es, der die letzte Meile zu gehen hat. Die ganze Last der Menschheit zu tragen hat. Der Sohn ist von einem stinkenden Berg Sünde überhäuft. Und die Sünde? Die tut das, was Sünde eben tut. Sie trennt einen vom anderen. Täter vom Opfer. Mensch von Mensch. Und Mensch von Gott.

    Das zweite Bild: Der Sohn sieht den Vater nicht mehr
    Der Sohn wird ans Kreuz geschlagen. Soldaten spielen um seine Kleider. Eine Traube von Menschen gafft ihn an, spottet über ihn. Er spürt die Peitschenhiebe. Er spürt die Nägel. Seine Lungen brennen. Er ringt um Atem. Dämonen schwirren um ihn herum, spucken ihn an. Der Sohn hat Angst. Dann passiert Seltsames. Das Kreuz reagiert wie ein Magnet. Es zieht die Sünde an. Das Gespött um ihn herum. Jeden bösen Gedanken. Jede böse Tat. Aus der Umgebung. Aus der ganzen Welt. Aus Zeit und Raum. Alle Sünden kommen zusammen, umklammern ihn, beißen sich an ihm fest, wollen ihn erwürgen. Es spürt sie. Jeden Mord. Jede Lüge. Jedes Verbrechen. Die Sünde nimmt ihm die Sicht. Macht ihn blind. Er sieht nichts mehr. Er sieht den Vater nicht mehr. Doch der Vater ist da.

    Das dritte Bild: Aus des Vaters Hand gerissen
    Der Vater hält den Sohn an der Hand. Menschen kommen heran. Sie grapschen nach dem Sohn. Versuchen ihn dem Vater zu entreißen. Sie wollen ihn nicht. Sie wollen nicht, dass er ihr König ist. Sie wollen selbst herrschen. Jeder über sein eigenes Leben. Jeder über den anderen. Die Traube der Menschen wird immer größer. Am Ende umfasst sie jeden, der jemals gelebt hat. Der jemals über andere geherrscht hat. Der jemals andere erniedrigt hat. Der jemals sich selbst erniedrigt hat. Mit vereinten Kräften zerren sie am Sohn. Der Sohn droht dem Vater zu entgleiten. Der Vater könnte die Hand heben und alle Menschen wären tot. Doch er tut es nicht. Der Sohn könnte den Vater bitten, die Hand zu heben, doch er tut es nicht. Die Menschen erreichen ihr Ziel. Sie packen den Sohn und schlagen ihn ans Kreuz. Der Sohn stirbt getrennt vom Vater.

    Vielleicht sollte ich abschließend erwähnen, dass der Ausspruch „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ein Zitat aus Psalm 22 ist, wobei es im Judentum scheinbar üblich war, den Anfang eines Psalms stellvertretend für den gesamten Psalm zu rezitieren. Der Psalm 22 fängt nun zwar trostlos an, doch er mündet in einem hoffnungsvollen Gebet, dass Gott zur Hilfe eilen wird und am Ende alles gut macht. So wie der Psalmist also weiß, dass Gott ihn schlussendlich aus „dem Rachen des Löwen befreien wird“, so ist sich trotz allen Unheils auch Jesus gewiss, dass sein Vater ihn nicht im Stich lässt und die Macht dazu hat, ihn selbst aus dem Rachen des Todes zu befreien.

  • Was ist das Leben wert?

    Wieder ein guter Gedanke von Jörg Splett: Das Leben ist nichts mehr wert, wenn einem nichts mehr wert ist als das Leben!

    Doch was soll das sein, frage ich mich. Was ist mehr wert als das Leben? Was also macht das Leben wertvoll? Was ist des Lebens höchstes Gut, für das es sich zu leben und sogar zu sterben lohnt?

    Ich würde sagen, das Leben ist dann ein Gut, wenn es gut ist. Gut ist es aber, wenn es gütig ist. Und gütig ist es wiederum, wenn es wohlwollend ist. Wer aber das Wohl eines Anderen will, der muss auch bereit sein, für dessen Wohl zu sorgen. Für jemanden zu sorgen heißt aber nichts anderes als ihm zu dienen. Wer aber jemanden dient, der macht ihn dankbar. Dankbarkeit aber macht glücklich. Wer aber glücklich ist, dem kann das Unglück nichts anhaben. Wem aber das Unglück nichts anhaben kann, der ist frei. Wer aber frei ist, der ist freigesetzt zu lieben. Wenn Liebe aber das letzte Ziel ist und das letzte Ziel gar kein Ziel ist, sondern ein Weg ist, dann ist das Leben nur dann etwas wert, wenn es im Dienst der Liebe steht.

    Passend dazu noch einmal Jörg Splett: Wir haben, was wir haben, um es geben zu können und wir haben, was wir nicht haben, um es geschenkt zu bekommen.

    Oder Emmanuel Levinas, der seine gesamte Philosophie auf den Satz bringt: Après vous Monsieur! – Nach Ihnen, mein Herr!

  • Hegel und etwas Medienkritik

    Ich nutze die feierabendlichen Stunden im Fitnessstudio, um noch etwas in Jörg Spletts Vorlesung zu Hegel reinzuhören. Die Entwicklung des Menschen betreffend spricht letzterer von einer menschenspezifischen Fähigkeit zur Reflexion, die Dinge nicht nur „für mich“, sondern „an sich“ zu erkennen. D.h. der Mensch sagt nicht mehr nur „Die Sonne ist ein gelber, warmer Ball“, sondern er ist dazu imstande, von sich selbst Abstand zu nehmen und z.B. festzustellen, dass die Sonne an sich aus Wasserstoff und Helium besteht. Da aber auch dieses Wissen nur Stückwerk ist und alles auch ganz anders sein kann, geht Hegel dann doch nicht so weit zu sagen, dass der Mensch die Dinge „an sich“ erkennt, sondern lediglich „an sich für mich“. D.h. der Mensch kann die Dinge zwar einordnen und bewerten, aber immer nur aus seiner Perspektive und auch nur mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

    Sind nun echte und aufrichtige Wissenschaftler am Werk, dann sind sie in aller Regel bescheiden genug, dies anzuerkennen und z.B. wie der englische Gelehrte N.T. Wright zuzugeben, sich zwar darüber im Klaren zu sein, dass die Hälfte von alledem, was er zu sagen hat, falsch ist, er aber dummerweise nicht weiß, welche Hälfe dies betrifft.

    Werden nun die wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Masse zugänglich gemacht, dann passiert das größtenteils über die Medien. Weil es aber deren Aufgabe ist, die meist sehr komplexen Erkenntnisse irgendwie verständlich zu machen, werden diese üblicherweise zunächst einmal auf ein geistiges Minimum heruntergekocht. Schwachpunkte einer Erkenntnis oder gegensätzliche Meinungen werden dabei im Sinne der Einfachheit gerne ignoriert. Und weil die Medien zudem auch nicht unvoreingenommen an die Wissenschaft herantreten, sondern sich in der Regel nur diejenigen Erkenntnisse herauspicken, die ihre hausinterne Ideologie untermauern, werden eigentlich vage und vorläufige Ergebnisse schnell zur allgemeinen Norm erhoben. Diese findet dann dank viraler Verbreitung Einlass ins gesellschaftliche Miteinander und weil es der Einzelne auch nicht besser weiß, beugt er sich dem viralen Druck und integriert Dinge in sein Weltbild, die eigentlich noch auf Überprüfung warten. Aus der ehrlichen Weise, die Dinge „an sich für mich“ zu sehen, wird ein gefährliches „Die Dinge sind an sich so wie ich sie sehe!“, wobei die Möglichkeit, dass die Dinge auch völlig anders sein könnten, gar nicht mehr in Betracht gezogen wird.

    So verlockend es daher für uns Herdentiere auch ist, sich einem gesellschaftlichen Konsens anzuschließen, stehen wir damit nicht zwangsläufig auf der richtigen Seite, sondern ich würde sogar ganz im Gegenteil den Verdacht äußern, dass hinter der (medialen) Vehemenz, mit der ein gesellschaftlicher Konsens vorangetrieben wird, meistens ganz andere Motive stecken als die reine Wahrheitsliebe.

  • Himmelfahrt – was bedeutet das?

    Da selbst Google mir einen schönen Vatertag wünscht, halte ich es für angemessen, mal etwas über die eigentliche Bedeutung von Himmelfahrt zu schreiben.

    Das betreffende Ereignis steht in den Evangelien, aber auch am Anfang der Apostelgeschichte:

    „Und als er (Jesus) das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“

    Nun kann man sich über die Historizität dieser Begebenheit streiten, aber viel wichtiger ist der Gesamtkontext, in den sie eingebettet ist. D.h. kein Jude wird wohl diese Textpassage gelesen haben, ohne die Obertöne aus der Parallelstelle in Daniel 7 mit zu bedenken.

    „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“

    Manche sagen, die Prophetie bezieht sich auf das Wiedererscheinen von Jesus am letzten Tag, aber wenn dem so wäre, dann wäre die Richtung falsch. D.h. die Vision spielt nicht auf der Erde, sondern im Himmel, von wo aus Daniel jemanden unter ihm aus den Wolken durchbrechen und zu Gott aufsteigen sieht.

    Ist dem aber so und die Vision betrifft Himmelfahrt, dann erfüllt sich mit der Vision auch das Folgegeschehen. D.h. wenn Jesus in den Himmel fährt und ihm Macht über alle Völker gegeben wird, dann geht es bei Himmelfahrt nicht darum, dass Jesus die Erde verlässt, sondern ganz im Gegenteil, dass er die Herrschaft über die Erde antritt. Der Himmel ist somit kein fremder Ort, keine Parallelwelt, sondern der Himmel ist die Schaltzentrale der Erde. Dies bedacht, geht es bei Himmelfahrt also letztlich um nichts Geringeres als die Inthronisierung eines Königs.

    Wenn Jesus aber seit nunmehr 2000 Jahren an der Macht ist, dann kann man sich natürlich fragen, ob er in Anbetracht von Auschwitz und dergleichen seinen Job gut macht. Dazu wäre vieles zu sagen, ich will es dabei belassen, dass Jesus eine Sorte von König ist, der mit den Füßen gewählt wird. D.h. nicht wir geben Jesus unsere Stimme und er kümmert sich um alles, sondern Jesus gibt uns seine Stimme und wir reden und handeln in seinem Namen.

  • Mein MP3 Player und die Grundfesten des Glaubens

    Im Grunde bin ich mit meinem MP3 Player sehr zufrieden. Kristallklarer Sound und ein Bass, da wummert es ordentlich in den Ohren. Einziges Manko: Die On/Off Taste ist leider sehr empfindlich, so dass das Ding manchmal einfach so angeht. Passiert das unbemerkt, frisst das den ganzen Akku auf, was dann, wenn ich ihn anschließend benutzen will, natürlich sehr ärgerlich ist. Fast hätte ich dazu letztens auch schon eine Amazon-Kundenrezension geschrieben, so von wegen, vier Punkte, super Teil, aber leider äußerst empfindliche On/Off Taste. Gott sei Dank habe ich es gelassen, denn gerade eben ist mir aufgefallen, dass sich versteckt an der Seite noch eine „Hold“-Taste befindet. Drücke ich diese, kann auch bei schwerster Erschütterung nichts mehr passieren.

    Wie nun mit dem MP3 Player, so ist das im Grunde auch mit Gott. Das heißt, auch ihm gegenüber habe ich ein Grundgefühl, dass er gut ist und dementsprechend auch seine geschaffene Welt gut sein muss. Nehme ich nun wahr, dass Gott Dinge tut, die ich nicht verstehe (z.B. ganze Völker zu bestrafen oder auf scheinbar lässliche Vergehen drakonische Strafen zu verhängen) oder passieren auf seiner Welt Dinge, die ich nicht verstehe (z.B. Erdbeben oder Krankheiten), dann mahnt mich mein MP3 Player: Man sollte nicht vorschnell urteilen, sondern in der Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, die Dinge auch mal stehen lassen können.

    Die natürliche Richtung des (christlichen) Glaubens ist nämlich, dass man eine unmittelbare Gotteserfahrung macht, die sich tief in das menschliche Herz eingräbt und mittels Gefühl und Verstand die Überzeugung keimen lässt, dass Gott absolut vertrauenswürdig ist. Ist man aber erst einmal zu dieser Grundüberzeugung gelangt, dann wird man automatisch jede Erkenntnis oder Erfahrung, die man über oder mit Gott macht, diesem Grundgefühl unterordnen. So wie ein Kind von guten Eltern: Obwohl es hin und wieder bestraft wird oder etwas essen muss, was überhaupt nicht schmeckt, weiß es doch, dass die Eltern, in allem, was sie tun, es eigentlich gut mit einem meinen.

    Die unnatürliche Richtung des Glaubens wäre hingegen, wenn man diese Grunderfahrung nie gemacht hätte und stattdessen, von einer Pro- und Contra-Liste ausgehend, zu der Überzeugung kommt, das Gott entweder gut oder böse ist, bzw. es ihn gar nicht gibt. Geht man so an die Dinge heran, stellt sich allerdings das Problem, dass man nie wirklich wissen kann, ob Gott gut, böse oder gar nicht vorhanden ist, da sowohl die Pro- als auch die Contra-Seite gezwungenermaßen, weil niemand alles weiß, immer unvollendet bleibt. D.h. selbst wenn man auf der Pro-Seite gerade drei Argumente mehr verbuchen kann, wird man sich niemals sicher sein können, ob, alles zusammen genommen, nicht doch die Contra-Seite länger ist.

    Insofern das menschliche Erkenntnisvermögen also unvollkommen ist, kann verlässliche Erkenntnis über Gott nur aus Gott selbst kommen. Und demgemäß heißt es auch in einem meiner Lieblingsverse aus der Bibel:

    „Denn derselbe Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht hervorstrahlen!, der hat es auch in unseren Herzen hell werden lassen, sodass wir in der Person von Jesus Christus den vollen Glanz von Gottes Herrlichkeit erkennen.“

    Fernab von jedwedem Erlebnisglauben ist es also Gott, der still und heimlich die Erkenntnis Gottes direkt in unser Herz fließen lässt. Allerdings nicht als abstraktes Gefühl, dass Gott Liebe ist, sondern als konkreter Hinweis auf die Person Jesus. Denn wenn eben dieser sagt und danach handelt, dass niemand größere Liebe hat als der, welcher sein Leben für seine Freunde (und gar Feinde) lässt, dann führt die Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, nur über die Grunderfahrung, dass Gott am Kreuz gestorben ist. In diesem Bewusstsein können viele Fragen unbeantwortet bleiben – und dennoch weiß man, dass es auf alles eine zufriedenstellende Antwort gibt. Und nur mit der tiefen Gewissheit, die Wahrheit bereits in sich zu tragen, kann man dann auch Zeiten der Ungewissheit ganz gut aushalten, so wie es sehr schön in einem Gedicht von Goethe beschrieben steht:

    Wer will denn alles gleich ergründen!
    Sobald der Schnee schmilzt, wird sich’s finden.
    Hier hilft nun weiter kein Bemühn!
    Sind’s Rosen, nun sie werden blühn.

  • Notiz: Evolution, Gott und Leid

    Man könnte sich fragen, ob Gott nicht auch eine Welt ohne Leid hätte schaffen können. Antwort: Hätte er, aber dann auch ohne Menschen. Jedenfalls unter evolutionären Gesichtspunkten betrachtet. Denn allerletzten Endes sind es die Naturgesetze, die sowohl für Glück als auch für Leid verantwortlich sind – beispielsweise das Glück, zu fliegen und das Leid, abstürzen zu können. Dieselben Naturgesetze sind es aber auch, die laut anthropischem Prinzip den Menschen hervorgebracht haben. D.h. dass überhaupt der Mensch aus der Evolution hervorgegangen ist, ist kein Zufall, sondern die Natur neigt scheinbar dazu, sich unter den Lebensbedingungen, die von den Naturgesetzen diktiert werden, in Richtung Mensch zu entwickeln, bzw. Intelligenz und Sinnesorgane herauszubilden und als Summe dieser Auswüchse irgendwann den Menschen. Würde man nun die Naturgesetze etwas anders justieren, könnte man sich Lebensbedingungen für eine Welt ohne Leid vorstellen. Weil aber die Existenz des Menschen an die Naturgesetze, so wie sie sind, geknüpft ist, wäre eine Welt mit abgeänderten Naturgesetzen kein für den Menschen geeigneter Lebensraum. Insofern hat Leibniz vermutlich Recht und wir leben tatsächlich in der bestmöglichen aller Welten. D.h. würde man das komplexe Zusammenspiel von Naturgesetzen und Lebensbedingungen wirklich verstehen, dann würde man sehr wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass menschliches Leben nur in diesem spezifischen Rahmen entstehen konnte. Ob es sich aus diesem Rahmen heraus evolviert oder ob Gott das menschliche Leben auf eine Weise verändert, dass es auf einmal unter anderen Lebensbedingungen funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist das Leben, so wie wir es kennen, scheinbar nur als „Package Deal“ zu haben.

  • Bilder von Gott

    Du sollst dir kein Bild von Gott machen, so lautet gleich das erste Gebot. Aber warum eigentlich nicht? Mindestens zwei Gründe fallen mir ein. Erstens legt der Mensch in ein Bild immer auch seine Menschlichkeit und damit seine Schattenseiten und Abgründe hinein. Anthropomorph nennt man das – dem Nichtmenschlichen eine menschliche Form geben. Gott ist aber kein Mensch und hat somit auch keine Schattenseiten und Abgründe. Und zweitens hat Gott bereits selbst ein Bild von sich gemacht. Wer mich sieht, der sieht den Vater, sagt Jesus. Es gibt also keine zwei Bilder, eins vom Sohn und eins vom Vater, sondern das Bild vom Sohn ist das Bild vom Vater. Der Vater ist nicht der Sohn, aber im Sohn ist alles offenbart, was der Vater von sich offenbaren will, bzw. wir imstande sind, zu begreifen. Den Vater ohne den Sohn ansehen zu wollen, hieße dann, sich auf die eigenen menschlichen Projektionen zu verlassen und Gott abermals in Schatten und Dunkelheit zu tauchen.

  • Glauben und Warten

    Nach Jörg Splett könnte man die Geschichte vom Sündenfall auch so verstehen, dass der Mensch einfach nicht warten konnte. D.h. am Baum der Erkenntnis hängen hübsche Äpfel, die der Mensch allerdings nicht essen darf, weil Gott sie für das Apfelkompott zum Abendbrot eingeplant hat. Sünde hätte damit sehr viel mit Ungeduld zu tun. Glauben würde dagegen bedeuten, eine (defizitäre) Situation im Vertrauen auf Gott aushalten zu können. Leben wir also, um zu glauben, dann leben wir, um zu warten und im Warten Vertrauen zu lernen.

    Mehr zur Sache mit dem Sündenfall, siehe Baum der Erkenntnis

  • Im Fitnessstudio

    Aus gegebenem Anlass, weil ich gerade spaßeshalber ein Probetraining in einem brandneuen Fitnessstudio absolviert habe, folgend noch einmal die Kurzgeschichte zum Thema. Ohne zu sehr an den Protagonisten erinnern zu wollen, aber die Art der Fitnesstrainer, oder, wie er sich vorgestellt hat, „Personal Coach“, ist schon recht gewöhnungsbedürftig. Nicht wirklich schlimm, aber halt ziemlich aufgesetzt. Und insofern unangenehm, als dass er in nahezu jedem Satz unbedingt meinen Namen mit unterbringen musste. Ich meine, so spricht man nicht, das fängt schnell an zu nerven. „Herzlich willkommen, Alexander!“ „Du siehst gut aus, Alexander!“ „Viel Spaß beim Training, Alexander!“ „Wenn du Fragen, hast, komm gerne auf mich zu, Alexander!“ Und dann ist die Stimmung irgendwie gekippt: „Sorry Alexander, im Moment habe ich leider keine Zeit, dir die Übung zu erklären!“ „Das Probetraining kostet übrigens 10€, Alexander!“ „Aber wenn du den Vertrag gleich unterschreibst, Alexander, dann gibt’s die 10€ natürlich zurück!“ „Wie, du willst dir das überlegen, Alexander?“ „Unterschreib den beschissenen Vertrag, Alexander!“ Gut, Letzteres hat er, bzw. später war es eine Sie, nicht explizit ausgesprochen, aber von ihrer Stirn konnte ich es klar und deutlich ablesen.

    Was ich mitnehme (die 10€ leider nicht, die sind weg): Man sollte tunlichst aufpassen, Freundlichkeit nicht mit Gutheit zu verwechseln. Oder vielleicht so gesagt: Nimm den Menschen ihren Grund, freundlich zu sein, und du nimmst ihnen auch ihre Gutheit.

    Und nun die Geschichte:

    Im Fitnessstudio

    Schon auf dem Weg ins Studio geht es los. Ich durch die Fußgängerzone. Zu Fuß. Mir kommt eine Frau entgegen. Damit es nicht knallt, weiche ich nach rechts aus. Sie scheint das nicht zu bemerken und schlägt ebenfalls rechts ein. Also von ihr aus links. Ich navigiere wieder nach links. Sie guckt und macht es mir nach. Wir sind uns mittlerweile sehr nahe. Ich bleibe stehen, will sie vorüberziehen lassen. Sie hat dasselbe vor. Wir schauen uns in die Augen. Ich gucke böse, denke, blöde Ziege. Sie lächelt. Ich lächle zurück. Sie nimmt Geschwindigkeit auf und zieht links an mir vorbei. Mein Lächeln versiegt. Ich ärgere mich über sie und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, mich über sie zu ärgern. Ich gehe weiter und ärgere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich verlasse die Fußgängerzone und ärgere mich, mich überhaupt zu ärgern. Wegen ihr. Der Frau, die nicht gucken kann.

    Am Studio angekommen habe ich die Wahl. Treppe oder Fahrstuhl. Die meisten nehmen den Fahrstuhl. Viele von denen kommen sogar mit dem Auto. Wohnen zwar um die Ecke, aber nehmen das Auto. Und dann den Fahrstuhl. Und danach ab aufs Laufband. Sich mal so richtig auspowern. Ich nehme immer die Treppe. Alles andere wäre Selbstverarsche. Ich gucke spöttisch Richtung Fahrstuhl. Zwei Mädchen steigen gerade ein. Kichernd und selbstverliebt. Sie tragen Leggings. Ein Blick auf die Oberschenkel verrät mir, dass sie noch nicht so lange hier sind. Oder sie sind schon lange hier, aber kichern zu viel während des Trainings. Sie sollten keine Leggings tragen, denke ich mir. Oder wenigstens noch nicht.

    Oben angekommen werde ich von der Thekenkraft freundlich begrüßt. Ich nicke ihr zu. Draußen auf der Straße würde sie mich keines Blickes würdigen. Aber als Job, wenn man dafür Geld kriegt, ist das natürlich was anderes. Da kann man auch ruhig mal freundlich sein. Andere verkaufen ihren Körper und sie muss mich halt nur freundlich begrüßen.

    Umziehen muss ich mich nicht. Am Anfang habe ich immer noch die Umkleidekabinen benutzt. Aber das mache ich schon lange nicht mehr. Es ist eklig. Es ist dreckig. Es stinkt widerlich nach Schweiß. Achselschweiß durchzogen mit verbrauchtem Deodorant. Unzählige Geruchspartikel schwirren durch den Raum. Lösen sich von den schweißdurchtränkten Achseln und finden den Weg direkt in meine Nase. Seitdem ich darüber nachgedacht habe, ziehe ich mich zu Hause um.

    Die beiden Mädchen aus dem Fahrstuhl sind scheinbar genauso geruchsempfindlich, denn auch sie haben ihre Sportbekleidung bereits an. Ich gucke ihnen zu, wie sie die beiden letzten Laufbänder belegen. 30€ zahle ich im Monat und immer sind die Laufbänder besetzt. Also stelle ich mich an und warte. Ein etwas älterer Herr ist bereits ganz außer Atem. Lange hält er nicht mehr durch, denke ich mir, und bewege mich schon einmal langsam in seine Richtung. Es ist wie auf dem Parkplatz. Wer die Parklücke zuerst entdeckt, darf rein. Der Mann atmet schwer. Doch sein Wille ist ungebrochen. Von weiter hinten höre ich das vertraute Kichern. Die beiden Mädchen haben schon wieder genug. Dahinter freuen sich zwei Jungs, so schnell an der Reihe zu sein. Der Herr vor mir keucht und hechelt. Weitere 5 Minuten vergehen, bis er dann endlich aufgibt. Ich merke ihm an, dass er gerne noch weiter laufen würde, aber sein Körper ist völlig am Ende. Ich male mir aus, wie die Jahre vergehen und er immer weniger Meter zurücklegen wird, bis er dann irgendwann seinen letzten Meter macht. Vielleicht würde er kämpfen, noch ein paar Meter mehr zu schaffen, aber so sehr er sich auch anstrengt, der letzte Meter würde kommen.

    Ich nicke ihm beim Absteigen zu. Fordere ihn mit Blicken auf, die Griffe mit dem dafür bereitstehenden Desinfektionsmittel zu reinigen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber den Unbelehrbaren ist das scheißegal. Er gehört zu den Anständigen und wischt bereitwillig die Griffe ab. Ich warte, bis er fertig ist und ein wenig länger, damit das Desinfektionsmittel einwirken kann. Dann besteige ich das Laufband. Keine 5 Minuten vergehen, da nähert sich mir eine Frau. Ungefähr mein Alter, vielleicht etwas jünger. Bildhübsch. Sie lächelt mich an. Ich lächle zurück. „Sag mal, wie lange brauchst du ungefähr noch?“ Meine Miene versteinert sich. Innerlich. Nach außen lächle ich sie immer noch an „Nicht mehr so lange“, sage ich, „vielleicht so 10 Minuten.“ „Gut, dann warte ich solange“, erwidert sie freundlich. Verpiss dich, denke ich. „Klar, mach das!“ sage ich. Sie lächelt. Ich lächle zurück.

    Weil ich es hasse, wenn jemand hinter mir steht, verkürze ich die 10 Minuten auf 5 Minuten. „Schon fertig?“ fragt sie. Leck mich, denke ich. „Ich mach noch schnell die Griffe sauber“, sage ich. Sie lächelt. Ich lächle. Ich mache mich auf den Weg Richtung Fitnessmatten.

    Wie immer beginne ich mit Liegestützen. 30 am Stück, mehr schaffe ich nicht. Ich bin bei 27, bei 28, bei 29, da höre ich hinter mir Frauenstimmen, die laut mitzählen. 30, 31, 32. Ich spüre, wie die Kraft auf einmal zurückkommt. Ich nehme die 40. Ich gehe auf die 50 zu. Irgendwann ist Schluss. Ich sacke in mich zusammen. Liege wie bewusstlos auf dem Boden. Hinter mir höre ich, wie weiter gezählt wird. 70,71,72. Ich blicke auf. Hinüber zu den Mädchen. Ich sehe einen durchtrainierten jungen Mann Liegestützen machen. Dahinter drei Frauen, die ihn lauthals anfeuern.

    Der junge Mann hat eine Wollmütze auf. Er ist nicht der Einzige. Viele junge Männer laufen herum, die eine Wollmütze aufhaben. Ich verstehe das nicht. Warum hat man beim Sport eine Wollmütze auf? Wollmützen trägt man im Winter, wenn es kalt ist. Aber doch nicht beim Sport. Sehen und gesehen werden, denke ich mir. In jeder Lebenslage eine gute Figur machen. Ich schaue hinunter zu den Füßen. Die Männer tragen vornehmlich Nike. Die Frauen Asics. Eine mit Stöckelschuhen ist nicht dabei.

    Der Raum mit den Hantelbänken ist wie immer gut gefüllt. Ein Raum voller Mützenträger. Die meisten kennen sich. Abseits der Herde picke ich mir das schwächste Glied heraus, um seine Hantelbank zu übernehmen. Ich nehme ihn ins Visier. Ebenfalls ein Mützenträger. Arme wie Bindfäden. Keine 20kg auf der Langhantel. „Hallo, können wir uns abwechseln?“, frage ich höflich. „Klar!“ sagt er. Wir wechseln uns ab. Während er dran ist, beobachte ich ihn. Nike Schuhe, Muskelshirt, Halskette. Seine Angepasstheit ist mir zuwider. „Ganz schön warm hier, was?“ bemerke ich. „Das kann man wohl sagen!“, erwidert er mit ungetrübter Freundlichkeit. Während er redet, kratzt er sich an der Mütze. Ein letztes Mal stemmt er die Langhantel, dann verabschiedet er sich Richtung Umkleidekabine.

    Ich schaue ihm nach, froh, nun die Bank für mich zu haben. Jemand tickt mir von hinten auf die Schulter. „Können wir uns abwechseln?“, höre ich ihn fragen. „Ich bin sowieso gerade fertig“, sage ich betont genervt. Ohne ihn anzugucken nehme ich mein Handtuch und ziehe von dannen.

    Die Blase drückt. Auch das noch, denke ich, denn um zu den Toiletten zu gelangen, muss man durch die Umkleidekabine hindurch. Schon beim Öffnen der Tür kommt mir dieser strenge Schweißgeruch entgegen. Ich versuche, nicht zu atmen. Beim Vorübergehen sehe ich die Mütze des Jungen mit der Langhantel auf der Umkleidebank liegen. Ich schaue mich um. Der Raum ist leer, nur aus der Dusche dringen Geräusche. Irgendetwas überkommt mich. Ich greife hastig nach der Mütze und schmeiße sie bei den Toiletten in den Mülleimer. Mit erleichterter Blase kehre ich zurück. Der Junge steht vor mir. Etwas Trauriges liegt in seinen Augen. „Hi“, sagt er, „hast du zufällig irgendwo meine Mütze gesehen?“ Ich verneine und ziehe eilig an ihm vorüber. An der Tür angelangt, fällt mein Blick noch einmal nach hinten. Dem Jungen direkt auf die Glatze. Auf seinem Hinterkopf prangt ein riesiger Blutschwamm.

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