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  • Teichleben - eine Kurzgeschichte

    Ich liebe es, am Teich zu sitzen. Ganz nah am Wasser auf meiner Lieblingsbank. Meistens bin ich schon vor der Sonne da. Dann gibt es nur mich, den Teich und die Dunkelheit. Ich liebe es, die Frösche quaken zu hören. Und wie die Vögel den Morgen begrüßen. Als wären sie ein Orchester und der ganze Teich tanzt nach ihrer Melodie. Die Blätter gleiten über das Wasser. Die Farne schwingen hin und her. Alles ist in Bewegung. Und doch ist alles so wunderbar ruhig. Dann irgendwann lässt sich auch die Sonne blicken und taucht den Teich in dieses herrliche Morgenrot. Durch die Wärme verdampft das Wasser und Nebel steigt auf. Langsam breitet er sich aus, wie ein gefräßiges Nichts, um den ganzen Park zu verschlingen. Und ich mittendrin. Verschleiert und für andere Menschen unsichtbar. Doch um diese Uhrzeit, da sind am Teich ja noch gar keine Menschen. Da hört man auch keine Autos, die Lärm machen. Alles, was ich höre, ist die Stille, und die genieße ich!

    Wenn es dann bereits hell ist, tauchen von hier und dort die ersten Menschen auf. Oft sind es alte Menschen, die, so wie ich, Freude daran haben, morgens spazieren zu gehen. Oder es sind jüngere Menschen, die, so wie ich, nur ein paar Minuten lang die Ruhe vor dem Tag genießen möchten. Oder es sind Mütter mit Kindern, die, so wie ich, Brot für die Enten dabei haben. Die Mütter schauen meistens verstohlen zur Seite, wenn sie mich sehen. Andere grüßen flüchtig, um sich dann schnell wieder dem Kind zuzuwenden. Es sind Momente, da wünsche ich mir den Nebel zurück. Die Kinder sind anders. Nur ganz wenige sind scheu oder ängstlich. Nur ganz selten höre ich sie rufen, guck mal, der Mann da! Die meisten lächeln mich an. Manche leisten mir Gesellschaft. Dann setzt sich auch die Mutter dazu, obwohl man ihr anmerkt, dass sie viel lieber auf einer freie Bank sitzen würde. Ein paar Kinder fangen gleich wie ein Wasserfall an zu reden. Was sie gegessen haben. Warum ihre Eltern blöd sind. Worüber man halt so redet. Die Mutter lächelt dann peinlich berührt, den Blick auf die freien Bank gegenüber gerichtet. Manchmal fragen die Kinder auch, was ich so mache. Dann erzähle ich ihnen, dass ich dem Teich beim Tanzen zugucke. Das finden sie meistens toll. Die Mütter aber nicht und ich spüre, wie ihr Unbehagen die ganze Luft verpestet. Ich gebe mir dann Mühe, beim Reden wenigstens nicht zu sabbern oder ich achte darauf, dass sich keine Luftbläschen an den Mundwinkeln bilden. Denn ich weiß genau, wenn das passiert, ist die Luft mit so viel Unbehagen verpestet, dass ich mir selbst wünsche, auf der freien Bank gegenüber zu sitzen.

    Ich erinnere mich, dass ich damals in der Schule auch immer auf einer freien Bank saß. Es war eine Steinbank am Rand des betonierten Pausenhofs. Gerne hätte ich mit den anderen Kindern herumgetollt, doch dafür war ich zu schwach. Und außerdem wollten mich die anderen Kinder auch gar nicht dabei haben. „Fischgesicht, Fischgesicht!“, haben sie gerufen. Und dann haben sie angefangen, mich zu schubsen. Und ich habe angefangen zu weinen. Aber nicht wegen dem Schubsen, das tat nicht sehr weh, sondern wegen dem Fischgesicht. In meiner Not habe ich dann immer nach einem Lehrer Ausschau gehalten, aber zu meinem Pech waren die meisten gerade mit etwas anderem beschäftigt. Nur ganz selten hat jemand eingegriffen. So etwas wie „Lasst den Jungen in Ruhe!“, einmal auch „Lasst Fischgesicht, ich meine, lasst den Jungen in Ruhe!“ haben sie dann herüber gerufen, woraufhin die Meute auch meistens abgezogen ist. Das Schlimmste in solchen Momenten war aber nicht das Alleinsein, sondern das Schlimmste war, von allen anderen beobachtet zu werden. Mir war jedes Mal zum Weinen zu Mute, aber diesen Gefallen wollte ich ihnen nicht tun. Also habe ich einfach ganz fest die Augen zugemacht, so dass keine Träne mehr herauskullern konnte. Dunkel wurde es dann und der ganze Lärm, all das Lachen um mich herum, kam mir vor wie das bösartige Zischen finsterer Dämonen. Jedes Mal habe ich dann diese tiefe Traurigkeit gespürt und mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass Mama und Papa hinter mir stehen und mir zärtlich ihre Hand auf die Schultern legen.

    Doch nicht die Hand meiner Eltern, sondern die Hand meiner Lehrerin war es, die mich eines Tages, als ich wieder einmal alleine und mit geschlossenen Augen auf dem Pausenhof stand, tatsächlich berührte. Sie sagte, ich solle nicht weinen, wobei sie anfing, mir mit der Hand den Rücken zu kraulen. Weil ich aber daraufhin erst richtig weinen musste, hat sie mich mit ins Gebäude genommen. Wir haben uns in eine leere Klasse gesetzt und dann hat sie tief Luft geholt und mir erklärt, dass die Kinder für ihre Bosheit eigentlich nichts könnten, weil sie nämlich unter einer schlimmen Krankheit litten, im Verlauf derer sich die Gehirne auflösten, so dass sie das, was sie sagen und tun, nicht mehr kontrollieren könnten. „Sie werden daran sterben“! hat sie mir noch verraten, und obwohl mir eigentlich klar war, dass sie mich anflunkert, taten mir die anderen Kinder seitdem immer leid, auch wenn sie mich geschlagen haben.

    Diese Krankheit, sollte sie denn wirklich existieren, scheint extrem ansteckend zu sein, denn ich erinnere mich, dass ich bereits vor meiner Schulzeit mit Menschen in Berührung kam, die darunter stark zu leiden hatten. Der Nachbarsjunge zum Beispiel. Ich war gerade dabei, mein neues ferngesteuertes Auto einzufahren, da kommt er auf einmal um die Ecke und das Auto fährt ihm direkt über den Fuß. Was das denn soll, hat er gefragt. Und: „Seit wann dürfen Behindis denn überhaupt Auto fahren?“ Er hatte kaum ausgesprochen, da sehe ich auch schon meinen Vater aus dem Haus stürmen, sich den Jungen packen, ihn durch die Luft schleudern und dabei brüllen, er solle es nie wieder wagen, seinen Sohn zu beleidigen! Und während er ihn noch durch die Luft schleudert, sehe ich den Vater des Nachbarsjungen ebenfalls aus dem Haus stürmen. Aber weil auch mein Vater den Nachbarsjungenvater aus dem Haus stürmen sieht, lässt er den Nachbarsjungen los und packt sich stattdessen den Vater. Er solle gefälligst besser auf seinen missratenen Sohn aufpassen, brüllt er ihn dabei an. Woraufhin der Nachbarsjungenvater irgendetwas zurück brüllt. Aber weil mein Vater viel stärker ist als der Nachbarsjungenvater, wird dessen Brüllen immer leiser, bis es irgendwann ganz versiegt und beide, Nachbarsjunge und Nachbarsjungenvater, mit hängenden Köpfen abziehen.

    Mächtig stolz war ich in diesem Moment auf meinen Vater. „So ein Arschloch“, höre ich ihn noch murmeln, während wir einträchtig den Nachbarn hinterher gucken. Dann hat er mich ganz fest an sich gedrückt und gesagt, ich solle mir von solchen Spinnern bloß nichts einreden lassen. Tausend Beleidigungen hätte ich ertragen, nur um diesen Moment erleben zu dürfen. Seine Umarmung war so stark, dass ich kaum noch Luft bekam. Und dennoch schmiegte ich mich nur noch fester an ihn. Er streichelte mein Haar und mich überkam dieses wunderschöne Gefühl, dass mir nichts Schlimmes mehr passieren konnte, solange er nur bei mir blieb.

    Doch Papa blieb nicht. Es kam der Tag, an dem mein Leben, so wie ich es bisher kannte, aufhören sollte zu existieren, um einem anderen Leben Platz zu machen, das sich viel härter und kälter anfühlen sollte als das Vorherige. Es war der Tag, an dem ich ausprobieren wollte, ob die „Gardinen mit der goldenen Naht“ auch wirklich „eine Ewigkeit halten“, so wie ich das in der Werbung gesehen hatte. Was passiert also, wenn man sie ansteckt, hatte ich mich gefragt. Wird das Feuer einfach ausgehen? Werden Sie brennen und doch nicht versengen? Zu meinem Bedauern stellte sich heraus, dass sie brennen und dabei komplett in Flammen aufgehen. Und nicht nur die Gardinen. Leider auch die Rücklehne vom Sessel und die Hinterwand vom Schrank. Und wahrscheinlich auch das ganze Wohnzimmer, wäre Papa nicht so schnell mit dem Feuerlöscher zur Stelle gewesen. Den ganzen Tag über hatte ich Zimmerarrest. Abends hörte ich, wie Mama und Papa lange miteinander diskutierten. „Ich kann nicht mehr!“, hörte ich Mama schluchzen. Und: „Es geht über meine Kraft!“ Später vielen dann Sätze wie: „Wir können ihn ja regelmäßig besuchen!“ und „Es ist für ihn das Beste, da sind Menschen, die sich auskennen.“ Ein paar Augenblicke später klopfte es an die Tür und Papa bat mich, mit nach unten zu kommen. Sie müssten mit mir reden. Mama saß mit verweinten Augen am Küchentisch. Sie bat mich, Platz zu nehmen. Papa nahm auch Platz und sie fingen an, mir zu beteuern, wie sehr sie mich liebten, aber dass sie auch an meine Zukunft denken müssten. Sie meinten, ich könne das jetzt noch nicht verstehen, aber es wäre das Beste für mich, wenn ich Menschen um mich hätte, die auf „meine Besonderheiten“ „professionell“ eingehen könnten und genau wüssten, was zu tun sei. Sie meinten, das wäre aber natürlich erst einmal nur auf Probe und sie würden mich immer besuchen kommen. Und am Wochenende wäre ich sowieso zu Hause. Und es wäre alles nur zu meinem Besten. Und ich würde dort ganz bestimmt sehr glücklich werden.

    Ich wurde dort nicht glücklich. Und sie kamen mich auch nicht immer besuchen. Und auch die Wochenenden war ich nicht immer zu Hause. Na gut, am Anfang schon, aber mit der Zeit wurde es weniger. Und weniger. Und weniger. Bis ich mich irgendwann nicht einmal mehr auf Weihnachten freuen konnte. „Deine Eltern haben gerade sehr viel Stress“, hieß es zunächst. „Deine Eltern haben sich scheiden lassen“, hieß es irgendwann später. „Deine Eltern sind weggezogen“, hieß es schließlich. Hin und wieder bekam ich noch einen Brief, mal von Mama, mal von Papa. Aber weil ich während des Lesens immer so viel Weinen musste und danach tagelang traurig war, hielt man es für das Beste, mir keine Briefe mehr auszustellen.

    Ein zu Hause habe ich seitdem nie wieder gehabt. Nur den Teich habe ich. Ganz früh am morgen, wenn die Welt noch schläft, ist es am Allerschönsten. Während die Vögel singen und sich der Farn dazu leise im Wind bewegt, schließe ich die Augen und versuche, den Zauber in mich aufzunehmen, der diesen Ort umweht. Die Luft, die ich einatme, füllt meinen Körper und hinterlässt dieses Gefühl von Geborgenheit, das ich noch aus Kindertagen kenne und seitdem so schmerzlich vermisse. Die Vögel sind der Mund meiner Mutter. Der Wind ist die Hand meiner Mutter. Die Bank ist der Schoß meiner Mutter. Ich sitze und fühle und höre und alles ist gut.

    Doch wie ich das Leben kennen gelernt habe, ist Glück immer nur von begrenzter Dauer. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis das Böse sich aufmachen würde, um mir auch dieses bisschen Glück wieder wegzunehmen. Passiert ist es an einem Samstag. Ich weiß noch, dass ich an jenem Morgen besonders früh am Teich war. Von den Fröschen war nichts zu hören und selbst die Vögel schienen noch zu schlafen. Und so setzte ich mich auf die Bank und wartete auf das Erwachen der Welt. Alles war so friedlich wie immer. Nichts deutete darauf hin, dass das Böse an diesem Morgen bereits längst in den Büschen lauerte. Eine Weile verging, da hörte ich auf einmal Schritte am Wegesrand. Einen Steinwurf von mir entfernt, tauchte aus der Dunkelheit die Silhouette einer Frau auf. Jedenfalls vermutete ich aufgrund von Gang und Größe, dass es eine Frau war. Sie hatte es eilig, so als wolle sie den Park schnell hinter sich lassen. Als hätte sie bereits eine Vorahnung, dass ihr gleich etwas Schreckliches zustoßen würde. Ihre Angst war so stark, dass ich sie von Weitem spüren konnte. Ihre Schritte wurden schneller und sie hatte es auch schon bald geschafft, da sprang hinter ihr plötzlich ein Schatten aus dem Gebüsch. Ich hörte sie kurz aufschreien. Dann sah ich, wie sie zu Boden glitt und über ihr diesen Mann. „He!“, rief ich, doch so leise, dass der Mann mich nicht hören konnte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Am liebsten hätte ich die Augen zugemacht, doch damit war der Frau nicht geholfen. Also erhob ich mich und rief mit zitternden Knien noch einmal etwas lauter „He!“ Der Mann sah auf. Sein Blick glich dem eines Raubtiers, das beim Zerlegen der Beute gestört wird. Auch wenn ich wie gelähmt war, setzte ich mich dennoch in Bewegung. Noch einmal rief ich „He!“ und „Hilfe!“ und „Loslassen!“. Doch der Mann ließ nicht ab. Die Gier fesselte ihn an seine Beute. Je näher ich kam, desto entschlossener wirkte er, seine Beute zu verteidigen. Ich war vielleicht noch zehn Meter entfernt, da überkam mich auf einmal der Mut meines Vaters. „Lass sie los, du missratenes Arschloch!“, brüllte ich, dabei die Hand zur Faust geballt. Der Mann starrte mich an. Doch da lag keine Gier mehr in seinen Augen, sondern nur noch blankes Entsetzen darüber, erwischt worden zu sein. Mit einem Satz war er auf den Beinen und schon im nächsten Moment in den Büschen verschwunden.

    Die Frau lag bewusstlos auf dem kalten Moosboden. Neben ihrem Kopf ein Tuch, getränkt mit einer Flüssigkeit, die mir ätzend in die Nase stieg. Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, beugte ich mich über sie, streichelte ihren Arm und flüsterte ihr dabei leise ins Ohr, dass alles gut werden würde. Im Fernsehen hatte ich einmal gesehen, wie ein bewusstloser Mensch Mund-zu-Mund beatmet wird. Aus lauter Verzweiflung, sie irgendwie am Leben zu erhalten, tat ich das Gleiche. Oder besser gesagt, wollte das Gleiche tun, denn gerade in dem Moment, wo meine Lippen die ihren berührten, öffnete sie ihre Augen. Sie schrie. Ich schrie. Wir beide so laut, dass zwei Männer, die wohl gerade auf dem Weg zur Arbeit waren, auf uns aufmerksam wurden. Sie kamen herbei geeilt. Die Frau versetzte mir einen Schlag ins Gesicht. Ich war starr vor Entsetzen, glotzte sie nur ratlos an, ohne mich bewegen zu können. Dann waren die Männer auch schon bei uns. Der eine riss mich von der Frau weg, der andere drückte mich zu Boden. „Du dreckiges Schwein!“, schrien sie und prügelten dabei wahllos auf mich ein. Ich begann zu schreien und zu weinen. Ganz so, wie damals in der Schule. Nur, dass diesmal keine Lehrerin kam, um mich zu retten. Stattdessen zog der eine sein Handy und nur wenige Augenblicke später hörte ich die Sirene. Durch die Bäume schimmerte Blaulicht. Reifen quietschten. Türen schlugen. Und dann sah ich auch schon die zwei Polizisten den Weg hochjagen. Oben angekommen, bot sich ihnen ein schreckliches Bild. Ich blutüberströmt im Gewahrsam der beiden Männer. Die Frau halb benommenen mit zerrissener Bluse am Boden kauernd. Beide Polizisten hatten ihre Waffe auf mich gerichtet. „Ist das der Kerl?“ Die Frau nickte. „Auf frischer Tat ertappt“, rief einer der beiden Männer, wobei er seinen Würgegriff noch etwas fester zog. Im nächsten Moment klickten Handschellen und ich wurde zum Auto gezerrt. Ich versuchte etwas zu sagen, aber mir war die Kehle wir zugeschnürt. Auf der Wache steckten sie mich in eine Arrestzelle mit einem kleinen vergitterten Fenster. Ich schaute hinaus. Die Sonne stand bereits am Himmel. Die Welt war erwacht.

    Die Gerichtsverhandlung konnte ich kaum erwarten, denn ich hatte große Hoffnung, dort endlich meine Eltern wieder zu sehen. Von der Anklagebank aus schaute ich mich um. Viele fremde Menschen waren dort versammelt, aber meine Eltern sah ich nicht. Doch zu meiner großen Überraschung war meine Lehrerin gekommen. Sie saß ganz in der Nähe des Opfers. Bitterkalt war ihr Blick. So kalt, dass ich wohl in Gefrierstarre gefallen wäre, hätten mich nicht die Worte des Richters aus ihrem Bann befreit. „Ich kann sie nicht verstehen“, sagte dieser, jetzt schon sichtlich genervt, „sie müssen langsam und deutlich sprechen.“ Es war der Sprachfehler. Es war der Kopfsturz, kurz nach meiner Geburt. Ich konnte klar denken, aber ich konnte das, was ich zu sagen hatte, nicht in Worte fassen. So viel Mühe ich mir auch gab, immer klang es, als hätte ich einen Lappen im Mund, der mich zu allem Übel auch noch wie ein Hund sabbern ließ. Doch der herauslaufende Speichel war mir egal. Diesmal musste es klappen. Diesmal hing mein Leben davon ab, mir Gehör zu verschaffen. Buchstabe um Buchstabe half ich der Wahrheit zur Welt, ganz langsam, ohne sie beschädigen. Ich redete und redete. Und ich hätte wohl immer weiter geredet, hätte mich der Richter nicht irgendwann jäh unterbrochen. „So kommen wir nicht weiter“, hörte ich ihn raunen. Und dann etwas lauter: „Gibt es denn hier wirklich niemanden, der diesen Mann versteht?“ Ich blickte verzweifelt hoch zu meiner Lehrerin. Meine Lehrerin blickte ins Leere. Totenstill war es im Saal. Dann erteilte man meinem Verteidiger das Wort.

    Schon seit etwas mehr als vier Monaten sitze ich nun in meiner Zelle und schreibe. Ich schreibe über den Teich, weil es das Einzige ist, was mich hier in der Dunkelheit am Leben hält. Aber ich kann nicht vom Teich schreiben, ohne an diesen schrecklich Tag zu denken, an dem man mich aus dem Paradies vertrieben hat. Ich schreibe auch darüber. Ich bringe jedes Detail zu Papier, an das ich mich erinnern kann. In der Hoffnung, dass irgendwann Mama und Papa alles lesen werden. Sie werden vorbeikommen, sie werden es lesen und sie werden mir glauben. Und dann werden sie der ganzen Welt erzählen, dass ihr Sohn nichts Schlimmes getan hat. Sie werden mich hier herausholen und ich werden sie mitnehmen an den Teich. Dann werden wir uns alle drei gemeinsam auf die Bank setzen. Wir werden uns an den Händen halten und alles wird gut sein.

    Der Block ist nun voll. Und wie immer, wenn der Block voll ist, kommen die Wächter und nehmen ihn mir ab. Sie versprechen, ihn aufzubewahren, doch ich weiß, dass sie ihn wegschmeißen. Sie nehmen ihn mir weg und ich schreie so lange, bis sie mir einen neuen Block bringen. Den schreibe ich auch voll. Ich schreibe von dem Teich, von meinen Eltern, von meiner Schule und von dem Tag, an dem ich aus dem Paradies vertrieben wurde. Meine Eltern werden es lesen und alles wird gut.

  • Wird es im Himmel mit der Zeit langweilig?

    Die Sache ist, gibt es im Himmel überhaupt Zeit? Ich würde meinen, irgendwie schon, denn weil Bewegung Zeit voraussetzt und Kreativität Bewegung voraussetzt und Gott kreativ ist, muss es im Himmel auch irgendeine Art von Zeit geben. Vielleicht nicht unbedingt irdische Zeit, aber doch so was wie ewige Zeit. Oder äonische Zeit, wie Theologen sagen und damit meinen, dass die Zeit im Himmel weder Anfang noch Ende hat. Bewegt man sich also im Himmel in der Zeit, dann bewegt man sich wie auf einer Kugel – man kommt voran und doch nie ans Ende.

    Besteht die Qualität des Himmels aber darin, dass wir bis zum Rand mit der Gegenwart Gottes voll sind, dann hat sich das mit der Langeweile sowieso erledigt, denn wo es kein Defizit gibt, da kann auch keine Langeweile aufkommen. So wie im Kino, wenn mein Lieblingsfilm läuft. Zwei Stunden geht der, aber ich bin während der ganzen Zeit so davon ausgefüllt, dass es mir vorkommt, als würde ich nur einmal zwinkern und schon ist er vorbei. Geht dann aber zum Schluss das Licht an, spüre ich auf einmal wieder alle meine Defizite und mir kommt es ewig lang vor, bis wir endlich bei McDonalds sitzen.

    Wenn es aber bereits ein Film schafft, mich in leichte Hypnose zu versetzen (psychologisch gesehen ist es genau das), dann sollte der Himmel – sollte die Gegenwart Gottes – eigentlich berauschend genug sein, um mich so auszufüllen, dass an Langeweile gar nicht zu denken ist.

  • Denkmord an der Langhantel - eine Kurzgeschichte

    Kurzes Vorwort: Die Geschichte hat möglicherweise leicht böse Züge. Als Exempel dafür, was mit jemandem passieren kann, der aufgrund von Selbstgefälligkeit und Verbitterung zu viele negative Denkautomatismen ausbildet, hat sie auf diesem Blog aber durchaus ihre Berechtigung. Ich hoffe, sie wirkt nicht plump, sondern es kommt rüber, was ich mir zwischen den Zeilen gedacht habe. In dem Sinne viel Vergnügen!

    Denkmord an der Langhantel

    Schon auf dem Weg ins Studio geht es los. Ich durch die Fußgängerzone. Zu Fuß. Mir kommt eine Frau entgegen. Damit es nicht knallt, weiche ich nach rechts aus. Sie scheint das nicht zu bemerken und schlägt ebenfalls rechts ein. Also von ihr aus links. Ich navigiere wieder nach links. Sie guckt und macht es mir nach. Wir sind uns mittlerweile sehr nahe. Ich bleibe stehen, will sie vorüberziehen lassen. Sie hat dasselbe vor. Wir schauen uns in die Augen. Ich gucke böse, denke, blöde Ziege. Sie lächelt. Ich lächle zurück. Sie nimmt Geschwindigkeit auf und zieht links an mir vorbei. Mein Lächeln versiegt. Ich ärgere mich über sie und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, mich über sie zu ärgern. Ich gehe weiter und ärgere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich verlasse die Fußgängerzone und ärgere mich, mich überhaupt zu ärgern. Wegen ihr. Der Frau, die nicht gucken kann.

    Am Studio angekommen habe ich die Wahl. Treppe oder Fahrstuhl. Die meisten nehmen den Fahrstuhl. Viele von denen kommen sogar mit dem Auto. Wohnen zwar um die Ecke, aber nehmen das Auto. Und dann den Fahrstuhl. Und danach ab aufs Laufband. Sich mal so richtig auspowern. Ich nehme immer die Treppe. Alles andere wäre Selbstverarsche. Ich gucke spöttisch Richtung Fahrstuhl. Zwei Mädchen steigen gerade ein. Kichernd und selbstverliebt. Sie tragen Leggings. Ein Blick auf die Oberschenkel verrät mir, dass sie noch nicht so lange hier sind. Oder sie sind schon lange hier, aber kichern zu viel während des Trainings. Sie sollten keine Leggings tragen, denke ich mir. Oder wenigstens noch nicht.

    Oben angekommen werde ich von der Thekenkraft freundlich begrüßt. Ich nicke ihr zu. Draußen auf der Straße würde sie mich keines Blickes würdigen. Aber als Job, wenn man dafür Geld kriegt, ist das natürlich was anderes. Da kann man auch ruhig mal freundlich sein. Andere verkaufen ihren Körper und sie muss mich halt nur freundlich begrüßen.

    Umziehen muss ich mich nicht. Am Anfang habe ich immer noch die Umkleidekabinen benutzt. Aber das mache ich schon lange nicht mehr. Es ist eklig. Es ist dreckig. Es stinkt widerlich nach Schweiß. Achselschweiß durchzogen mit verbrauchtem Deodorant. Unzählige Geruchspartikel schwirren durch den Raum. Lösen sich von den schweißdurchtränkten Achseln und finden den Weg direkt in meine Nase. Seitdem ich darüber nachgedacht habe, ziehe ich mich zu Hause um.

    Die beiden Mädchen aus dem Fahrstuhl sind scheinbar genauso geruchsempfindlich, denn auch sie haben ihre Sportbekleidung bereits an. Ich gucke ihnen zu, wie sie die beiden letzten Laufbänder belegen. 30€ zahle ich im Monat und immer sind die Laufbänder besetzt. Also stelle ich mich an und warte. Ein etwas älterer Herr ist bereits ganz außer Atem. Lange hält er nicht mehr durch, denke ich mir, und bewege mich schon einmal langsam in seine Richtung. Es ist wie auf dem Parkplatz. Wer die Parklücke zuerst entdeckt, darf rein. Der Mann atmet schwer. Doch sein Wille ist ungebrochen. Von weiter hinten höre ich das vertraute Kichern. Die beiden Mädchen haben schon wieder genug. Dahinter freuen sich zwei Jungs, so schnell an der Reihe zu sein. Der Herr vor mir keucht und hechelt. Weitere 5 Minuten vergehen, bis er dann endlich aufgibt. Ich merke ihm an, dass er gerne noch weiter laufen würde, aber sein Körper ist völlig am Ende. Ich male mir aus, wie die Jahre vergehen und er immer weniger Meter zurücklegen wird, bis er dann irgendwann seinen letzten Meter macht. Vielleicht würde er kämpfen, noch ein paar Meter mehr zu schaffen, aber so sehr er sich auch anstrengt, der letzte Meter würde kommen.

    Ich nicke ihm beim Absteigen zu. Fordere ihn mit Blicken auf, die Griffe mit dem dafür bereitstehenden Desinfektionsmittel zu reinigen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber den Unbelehrbaren ist das scheißegal. Er gehört zu den Anständigen und wischt bereitwillig die Griffe ab. Ich warte, bis er fertig ist und ein wenig länger, damit das Desinfektionsmittel einwirken kann. Dann besteige ich das Laufband. Keine 5 Minuten vergehen, da nähert sich mir eine Frau. Ungefähr mein Alter, vielleicht etwas jünger. Bildhübsch. Sie lächelt mich an. Ich lächle zurück. „Sag mal, wie lange brauchst du ungefähr noch?“ Meine Miene versteinert sich. Innerlich. Nach außen lächle ich sie immer noch an „Nicht mehr so lange“, sage ich, „vielleicht so 10 Minuten.“ „Gut, dann warte ich solange“, erwidert sie freundlich. Verpiss dich, denke ich. „Klar, mach das!“ sage ich. Sie lächelt. Ich lächle zurück.

    Weil ich es hasse, wenn jemand hinter mir steht, verkürze ich die 10 Minuten auf 5 Minuten. „Schon fertig?“ fragt sie. Leck mich, denke ich. „Ich mach noch schnell die Griffe sauber“, sage ich. Sie lächelt. Ich lächle. Ich mache mich auf den Weg Richtung Fitnessmatten.

    Wie immer beginne ich mit Liegestützen. 30 am Stück, mehr schaffe ich nicht. Ich bin bei 27, bei 28, bei 29, da höre ich hinter mir Frauenstimmen, die laut mitzählen. 30, 31, 32. Ich spüre, wie die Kraft auf einmal zurückkommt. Ich nehme die 40. Ich gehe auf die 50 zu. Irgendwann ist Schluss. Ich sacke in mich zusammen. Liege wie bewusstlos auf dem Boden. Hinter mir höre ich, wie weiter gezählt wird. 70,71,72. Ich blicke auf. Hinüber zu den Mädchen. Ich sehe einen durchtrainierten jungen Mann Liegestützen machen. Dahinter drei Frauen, die ihn lauthals anfeuern.

    Der junge Mann hat eine Wollmütze auf. Er ist nicht der Einzige. Viele junge Männer laufen herum, die eine Wollmütze aufhaben. Ich verstehe das nicht. Warum hat man beim Sport eine Wollmütze auf? Wollmützen trägt man im Winter, wenn es kalt ist. Aber doch nicht beim Sport. Sehen und gesehen werden, denke ich mir. In jeder Lebenslage eine gute Figur machen. Ich schaue hinunter zu den Füßen. Die Männer tragen vornehmlich Nike. Die Frauen Asics. Eine mit Stöckelschuhen ist nicht dabei.

    Der Raum mit den Hantelbänken ist wie immer gut gefüllt. Ein Raum voller Mützenträger. Die meisten kennen sich. Abseits der Herde picke ich mir das schwächste Glied heraus, um seine Hantelbank zu übernehmen. Ich nehme ihn ins Visier. Ebenfalls ein Mützenträger. Arme wie Bindfäden. Keine 20kg auf der Langhantel. „Hallo, können wir uns abwechseln?“, frage ich höflich. „Klar!“ sagt er. Wir wechseln uns ab. Während er dran ist, beobachte ich ihn. Nike Schuhe, Muskelshirt, Halskette. Seine Angepasstheit ist mir zuwider. „Ganz schön warm hier, was?“ bemerke ich. „Das kann man wohl sagen!“, erwidert er mit ungetrübter Freundlichkeit. Während er redet, kratzt er sich an der Mütze. Ein letztes Mal stemmt er die Langhantel, dann verabschiedet er sich Richtung Umkleidekabine.

    Ich schaue ihm nach, froh, nun die Bank für mich zu haben. Jemand tickt mir von hinten auf die Schulter. „Können wir uns abwechseln?“, höre ich ihn fragen. „Ich bin sowieso gerade fertig“, sage ich betont genervt. Ohne ihn anzugucken nehme ich mein Handtuch und ziehe von dannen.

    Die Blase drückt. Auch das noch, denke ich, denn um zu den Toiletten zu gelangen, muss man durch die Umkleidekabine hindurch. Schon beim Öffnen der Tür kommt mir dieser strenge Schweißgeruch entgegen. Ich versuche, nicht zu atmen. Beim Vorübergehen sehe ich die Mütze des Jungen mit der Langhantel auf der Umkleidebank liegen. Ich schaue mich um. Der Raum ist leer, nur aus der Dusche dringen Geräusche. Irgendetwas überkommt mich. Ich greife hastig nach der Mütze und schmeiße sie bei den Toiletten in den Mülleimer. Mit erleichterter Blase kehre ich zurück. Der Junge steht vor mir. Etwas Trauriges liegt in seinen Augen. „Hi“, sagt er, „hast du zufällig irgendwo meine Mütze gesehen?“ Ich verneine und ziehe eilig an ihm vorüber. An der Tür angelangt, fällt mein Blick noch einmal nach hinten. Dem Jungen direkt auf die Glatze. Auf seinem Hinterkopf prangt ein riesiger Blutschwamm.

  • Monarchie, Demokratie, Theokratie - auf dem Weg in eine gerechte Gesellschaft?

    Mal ein bisschen Staatslehre: Thomas Hobbes hatte den Leviathan seinerzeit geschrieben, um dadurch die Monarchie zu stützen, in der es einen Souverän gibt, der für das Wohl aller anderen verantwortlich ist. Er begründet dies sozialpsychologisch. Da nämlich alle Menschen von Natur aus nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben, versucht sich jeder auf Kosten der anderen zu verwirklichen. D.h. je mehr Macht und Güter man anhäuft, desto bessere Chancen hat man, sich selbst zu erhalten, bzw. desto größer fällt der Lustgewinn aus. Daraus erwächst natürlich eine unzähmbare Gier, die dazu führt, dass die Starken immer mehr und die Schwachen immer weniger besitzen. Da die Schwachen aber ebenso wie die Starken nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben, lassen sie sich die Missstände nicht einfach gefallen, sondern schlagen zurück, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Wozu das alles führt, das fasst Hobbes in seinem wohl berühmtesten Satz zusammen: „Homo homini lupus“ - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf!

    Aus dieser Einsicht begründet er dann die absolute Monarchie, denn da unter diesen Verhältnissen von Angst und Misstrauen keiner vernünftig leben kann, bedarf es eines Souveräns, der für Recht und Ordnung sorgt. Das Problem dabei ist nur, dass natürlich auch der Souverän nach Selbsterhaltung und Lustgewinn strebt, weswegen die Gefahr groß ist, dass auch er seine Macht für die eigenen Zwecke missbraucht.

    Trotz dieser Gefahr, dass der Souverän zum Despoten verkommt, sieht Hobbes in der absoluten Monarchie mangels Alternativen dennoch die bestmögliche Staatsform.

    Andere Denker haben das natürlich völlig anders gesehen und spätestens im Zuge der französischen Revolution hat man entschieden, dass die Gefahr, die von einem Souverän ausgeht, viel zu groß ist und daher alle Macht allein vom Volk ausgehen muss. Wenn aber auf einmal nicht mehr nur einer, sondern alle zusammen das Sagen haben, dann bedarf es, damit aufgrund von Eigendünkel nicht wieder Chaos ausbricht, eines Gesellschaftsvertrages, auf den sich alle einigen können und der daher auch von allen freiwillig eingehalten wird.

    Nun hat die Philosophiegeschichte eine Menge Gesellschaftsverträge hervorgebracht; einer, der mir besonders gut gefällt, ist der von John Rawls. Kurz angerissen beruht er auf der theoretischen Annahme, dass sich die Menschen, während sie über eine gerechte Gesellschaftsordnung nachdenken, unter einem Schleier des Nichtwissens befinden. D.h. keiner kennt seine Position, die er in der Gesellschaft einnehmen würde und niemand ist sich sicher, welche Qualifikationen und Fähigkeiten er mitbringt. Da somit die Gefahr groß ist, sich auf einer minderbemittelten Position wiederzufinden, sollte jedem daran gelegen sein, dass jede Position gute und lebenswerte Bedingungen bietet.

    Das Problem von Rawls Theorie ist natürlich, dass es lediglich ein Gedankenspiel ist und damit nicht praxisrelevant, da die gesellschaftlichen Positionen schon längst vergeben sind. Und dennoch wird sehr deutlich, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, wenn die Leute nach Gerechtigkeit und eben nicht nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben würden. Weil aber, wie gesagt, die Positionen bereits vergeben sind, ist der innere Zwang, das Eigene zu verteidigen und zu vermehren natürlich stärker als das Streben nach Gerechtigkeit. Und somit legt die Praxis dann auch die große Schwäche der Demokratie offen; dass nämlich diejenigen, die in gute Verhältnisse hineingeboren werden, immer am längeren Hebel sitzen und daher viel größeren Einfluss nehmen können als die gesellschaftlich Unterprivilegierten. Und da jeder im Normalfall zu seinen eigenen Gunsten Einfluss nimmt, bleibt dann auch in der Demokratie der Mensch dem Menschen ein Wolf. Nur dass es, wie in der Monarchie, keinen Oberwolf gibt, sondern ein starkes und ein schwaches Rudel, die zwar von einer gesetzgebenen Gewalt in Schach gehalten werden, aber sich dennoch gegenseitig beißen.

    Natürlich ist das ganz so schwarz weiß auch alles nicht, denn zum Glück hat jeder Mensch einen mehr oder weniger gut ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der ihn dazu befähigt, die eigenen Interessen hinter denen der Sozialgemeinschaft zurückzustellen. Aber wie das halt so ist endet das Streben nach Gerechtigkeit in der Regel dort, wo der eigene Nachteil zu groß wird.

    Insofern ist die Demokratie möglicherweise die zurzeit bestmögliche, aber immer noch keine gute Staatsform, da auch sie Ungerechtigkeit nicht verhindern kann. Mit der Gerechtigkeit ist es aber so: Jeder spürt, dass Altruismus eine viel höhere, edlere und menschlichere Eigenschaft ist als Egoismus. Und so war z.B. auch jedem klar, dass der Kapitän des kürzlich gesunkenen Schiffes an Bord bleiben hätte müssen, statt als Erster zu fliehen. Aber sei es aus Angst oder aus übertriebener Selbstliebe – der Mensch neigt nun einmal dazu, sich höher zu schätzen als den Anderen, weswegen das eigentliche Problem nicht der Staat, sondern der Mensch selbst ist.

    So gesehen wäre ein absolut gerechter, selbstloser und nicht korrumpierbarer Souverän, der den Menschen die Richtung vorgibt, die sie von selbst aus nicht einschlagen können, tatsächlich die bestmögliche Staatsform. Da solch ein moralisch unfehlbarer Souverän aber kein Mensch sein kann, liegt viel Hoffnung in dem biblischen Zeugnis, dass die Gesellschaft im Letzten nicht demokratisch, sondern theokratisch gedacht ist. Allerdings ist auch – das sieht man an der Geschichte Israels - eine Theokratie, in der Gott selbst die Richtung vorgibt, zum Scheitern verurteilt, insofern der Mensch in diese Richtung gepeitscht werden muss, ohne einen natürlichen Drang zu verspüren, die Richtung von sich aus einzuschlagen. Und daher ist das Bild, welches das Alte Testament von einer Theokratie zeichnet, auch nicht vollständig. Was fehlt, ist der neutestamentliche Gedanke, dass Gott nicht nur von außen, sondern auch von innen regiert, indem er die Herzen auf die von ihm vorgegebene Richtung neu justiert. Und natürlich: Wenn es Gott ist, der den Menschen erhält und wenn es Gott ist, der den Menschen glücklich macht, dann benötigt der Mensch seinen egoistischen Antrieb gar nicht mehr und kann sich ganz ohne Angst, zu kurz zu kommen, um die Anderen kümmern.

  • Warum musste Jesus sterben? - Episode: Der Auszug aus Ägypten

    Das Thema ist wichtig, daher auf in eine neue Runde. Wenn jemand umgebracht wird, dann ist es als Detektiv, der ich nicht bin, wahrscheinlich notwendig, sich die vorausgehenden Ereignisse mal etwas genauer anzusehen. Im Fall von Jesus hat er am Abend vor seiner Hinrichtung noch mit seinen Jüngern das Passahmahl gefeiert. Und das natürlich nicht ohne Grund, er tut es, um deutlich zu machen, dass man seinen bevorstehenden Tod nur im Lichte von Passah vernünftig beurteilen und einordnen kann.

    Passah, das weiß man oder auch nicht, bedeutet „Vorüberschreiten“ und erinnert daran, dass die Israeliten in der Nacht vor ihrem Auszug aus Ägypten den Türpfosten ihrer Häuser mit Blut beschmieren mussten, damit der Todesengel an ihnen vorüberzieht. Der Todesengel war wiederum im Einsatz, weil Ägypten Israel nicht ziehen lassen wollte, so dass Gott gezwungen war, diejenigen Mächte zu brechen, die den Auszug verhinderten.

    Wenn Jesus nun das Passahmahl mit den Worten einsetzt, dass der Wein, den sie zu trinken vorhaben, eigentlich sein Blut ist, das er für sie vergießen wird, dann liegt die Parallele zu Passah eigentlich auf der Hand. So wie den Israeliten befohlen war, ihren Türpfosten mit dem Blut der geschlachteten Lämmer zu beschmieren, so fordert Jesus seine Jünger – das neue Israel – dazu auf, den Türpfosten ihres Herzens mit seinem Blut zu beschmieren, damit der Todesengel auch hieran vorüberzieht. Weil das Herz immer auch das wahre Selbst einer Person symbolisiert, könnte man auch so sagen: Worum es bei dem neuen, von Jesus eingesetzten Passah geht, ist ein Auszug aus dem alten Leben hinein in ein neues Leben, wobei alles, was das wahre Selbst daran hindert, diesen Schritt zu gehen, beseitigt werden muss. Diejenigen Dinge also, die den Menschen in der Endlichkeit festhalten wollen, müssen sterben, während der Mensch selbst freigesetzt wird, ein neues Leben mit Ewigkeitswert zu beginnen.

    Und nun ist vielleicht aus etwas deutlicher, warum Jesus davon spricht, dass sein Blut zur Vergebung der Sünden vergossen wird. Denn die Sünde ist ja genau das, was einen Menschen in der Endlichkeit und damit in dem Zug Richtung Todestal gefangenhält. Und so wie die Israeliten in Ägypten von ihrem Denken und Selbstverständnis her möglicherweise immer mehr selbst zu Ägyptern geworden sind, so wird ein Mensch, der sein ganzes Leben im Zug sitzt, möglicherweise irgendwann selbst zum Zug, oder zählt sich wenigstens zum Interieur. Und ebenso wird ein Mensch, der sein ganzes Leben sündigt, irgendwann selbst zur Sünde, so dass Sünder und Sünde ineinander übergehen und man gar nicht weiß, wo der eine anfängt und das andere aufhört.

    Und daher gilt: So wie es das Blut an den Türpfosten Israels möglich gemacht hat, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, so macht es das Blut an den Türpfosten des Herzens möglich, zwischen dem Selbst und der Sünde zu unterscheiden, in die das Selbst verstrickt ist. Das also, was von dem Blut bedeckt ist, das ist von der Sünde befreit und damit frei für die Ewigkeit, wogegen das, was nicht vom Blut bedeckt ist, den Lauf der endlichen Dinge nimmt. Oder anders gesagt: Hat es der Tod auf die Sünde abgesehen, dann ist es ratsam, nicht mehr von ihr geritten zu werden, denn ansonsten geht man im schlimmsten Fall selbst mit drauf.

  • Ich denke, also bin ich?

    Es ist mindestens interessant, dass die Geburt der Moderne (bzw. der modernen Philosophie) von einem Gedanken eingeleitet wird, der eigentlich das Gegenteil von dem beinhaltet, worum es im christlichen Glauben geht. „Ich denke, also bin ich!“ sagt Descartes und rückt damit den Menschen ins Zentrum aller Welterkenntnis. Und noch mehr: Wenn der Mensch weder Gott noch die Welt begründen kann, sondern nur sich selbst, dann ist er automatisch auch der Mittel- und Ankerpunkt des Lebens. Statt um Gott, dreht sich fortan alles um ihn. Rein historisch schließt sich daran nicht nur der Humanismus an, sondern auch ein gewisser Machbarkeitswahn, der den Menschen dazu verleitet, über das Leben eigenmächtig zu verfügen und dabei alles (auch an Ideologie) zu beseitigen, was ihm, so wie er sich selbst erkennt, im Wege steht.

    Aber wie genau war das nochmal bei Descartes? Ich glaube mich zu entsinnen, dass er es für möglich hielt, hinsichtlich allem, was er zu wissen glaubt, von einem bösen Dämon getäuscht zu werden. Allerdings: Der Dämon kann ihn zwar hinsichtlich allem täuschen, aber er kann ihn nicht dahingehend täuschen, dass er es ist, der sich täuscht. Oder anders gesagt: Wenn er auch an allem zweifelt, dann doch nicht daran, dass er zweifelt. Weil Zweifel aber eine Form des Denkens ist, kommt Descartes zu dem berühmten Schluss: Ich denke, also bin ich.

    Nun haben viele kluge Leute viele gute Argumente vorgebracht, warum man das auch anders sehen kann. Ich will an dieser Stelle nur erwähnen, dass laut, ich sag mal, naturalistisch geprägter Neuropsychologie das Ich nur eine Illusion ist, was insofern an Descartes Grundfesten rüttelt, als dass zwar kein Dämon, aber dafür der Denkapparat einen dahingehend täuscht, dass da überhaupt jemand ist, der sich täuschen lässt.

    Die christliche Alternative lautet dagegen gerade nicht, dass man sich seiner selbst gewiss sein kann, sondern, viel bescheidener, dass man seine Hoffnung auf jemand anderes setzen muss, der für die eigene Existenz garantiert. Da alle Menschen aber im Verdacht stehen, sich hinsichtlich ihrer selbst zu täuschen, kann dieser Andere natürlich nur ein höchstes Wesen sein, über dem keine andere Wirklichkeit existiert, die ihn zu täuschen vermag.

    Insofern wäre die einzige Gewissheit, die man über die eigene Existenz haben kann, diejenige, die ein höchstes Wesen einem zuspricht. Selbsterkenntnis wäre damit nur über den Umweg der Gotteserkenntnis möglich. Oder besser gesagt, über den Umweg des Gottvertrauens, denn wie soll ich Gott erkennen, wenn ich noch nicht einmal mich selbst erkenne? Wenn aber Gott der einzige „Strohhalm“ ist, der mir bleibt, um mir meiner selbst gewiss zu sein, dann müsste man eigentlich Descartes` Satz „Ich denke, also bin ich“, bzw. präziser „Ich zweifle, also bin ich“ ins genaue Gegenteil verkehren und sagen „Ich glaube, also bin ich!“

    Oder wie es die Jünger von Jesus formulieren: „Herr, wohin sonst sollen wir gehen, nur du hast Worte des ewigen Lebens!"

  • Jesus und die Frage nach dem Leid

    Ein Gedanke, etwas verspätet zu Karfreitag: Wenn Jesus wirklich der „heruntergekommene Gott“ ist, der in seinem kurzen Menschenleben von Hunger, Krankheit, Erniedrigung, Ablehnung, Verachtung bis hin zu einem extrem qualvollen Tod eigentlich alles an Leid erlebt, was das Leben so aufzuwarten hat, dann ist es gar nicht mehr so einfach, Gott für das, woran wir leiden, an den Pranger zu stellen. Denn nur, wenn Gott dem Leid diametral gegenübersteht, kann man ihn fragen, warum er es zulässt. Ist er aber mittendrin und leidet als Vater, Freund und Bruder an unserer Seite, macht die Frage eigentlich keinen Sinn mehr, bzw. dann kann man höchstens nur noch so fragen: Gott, wenn du allmächtig bist, warum ziehst du es vor, statt das Leid einfach aus der Welt zu schaffen, mit uns zu leiden?

    Die Antworten darauf sind vielfältig, ich versuch es mal so: Ein Mann bringt jemanden um oder raubt ihn aus oder egal was. In jedem Fall wird er eingesperrt. Fortan sitzt er in einem dunklen Gefängnis, wird von den Wärtern geschlagen und bekommt aufgrund von Nässe und Kälte die schlimmsten Krankheiten. Weil sein Vater kein geringerer als der König des Landes ist, hat der Mann große Hoffnung, schnellstmöglich entlassen zu werden. Doch das passiert nicht. Stattdessen wird irgendwann die Gefängnistür aufgerissen und man schmeißt einen weiteren Sträfling hinein. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Mann, dass es sein Vater ist. Anstatt seinen Sohn abseits von Recht und Gesetz zu begnadigen, hat er sich dafür entschieden, ihm in seiner größten Not beizustehen.

    Die Frage ist nun, was Vater und Sohn wirklich zusammenschweißt? Der Umstand, dass der Vater König ist und als solcher eine Amnestie unterschreiben könnte? Oder der Umstand, dass er von seinem Thron herabsteigt und selbst zum Sträfling wird, um so seinem Sohn in Dreck und Dunkelheit nahe zu sein? Die Antwort auf das Leid ist immer die Liebe. Die Antwort Gottes auf den Menschen ist immer das Kreuz.

  • Warum Bodybuilder Jesus besser verstehen

    Der Frühling ist da. T-Shirt Wetter! Damit das T aber auch gut zur Geltung kommt, hab ich mal wieder die Hanteln bewegt. Ich bin also gerade kräftig am Pumpen, da fällt mir ein, dass das doch irgendwie komisch ist. Denn man könnte ja auch denken, dass die Muskeln schwächer werden, je stärker man sie beansprucht. Aber von wegen, das Gegenteil ist der Fall: Je mehr Muskelkraft ich verliere, desto mehr Muskelmasse baue ich auf. Je mehr Kraft ich hingegen für mich behalte, desto mehr Pudding hab ich in den Armen, bis das mit dem T-Shirt irgendwann komisch aussieht.

    Wie aber mit den Muskeln, so auch mit dem Gehirn. Nutze ich es, nimmt die Gehirnleistung zu. Will ich es dagegen lieber schonen, gehen im Oberstübchen irgendwann alle Lampen aus.

    Wie aber mit dem Gehirn, so auch mit Geld. Jeder, der schon mal gespendet hat, kann das wahrscheinlich bestätigen. Je mehr ich bereit bin zu geben, desto mehr bekomme ich zurück. Nicht vielleicht in jedem Fall Geld. Aber immer an Lebensqualität. Bin ich dagegen geizig und will jeden Cent für mich behalten, werde ich zwar möglicherweise ein dickes Konto haben, aber dennoch arm und verbittert sterben.

    Wie aber mit dem Geld, so auch mit der Liebe. Bin ich bereit, Liebe in andere zu investieren, sind andere umso mehr dazu bereit, Liebe in mich zu investieren. Hab ich dagegen nur für mich selbst Liebe übrig, werde ich irgendwann nicht mal mehr mich selbst lieben können. (Dieser Satz macht durchaus Sinn, man muss ihn vielleicht nur zweimal lesen).

    Wie aber mit der Liebe, mit dem Geld, mit dem Gehirn oder den Muskeln, so auch mit ganz vielen anderen Dingen im Leben. Ja, sogar mit dem Leben selbst. Und deswegen ist es auch kein Wunder, dass Jesus als Lebensprinzip ausgibt, dass derjenige, der sein Leben erhalten will, es verlieren wird, wogegen derjenige, der es um seinetwillen verliert, es gewinnen wird.

    Warum um seinetwillen, sollte auch klar sein. So klar wie ich heute reich wäre, wenn ich vor Jahren mein ganzes Geld in Apple Aktien investiert hätte. Nur halt geht’s bei Jesus nicht um Geld, sondern um Leben. Aber das Prinzip ist das Gleiche: Je mehr ich ihm von meinem Leben abgebe, desto mehr gibt er mir von seinem Leben ab. Bedenkt man dabei, dass ich nur irdisches Leben zu geben habe, während er mit ewigem Leben aufwartet, ist das ein ziemlich guter Tausch, würde ich meinen.

    Das Problem von alledem ist nur: Uns, gerade hier im Westen, fällt das Geben extrem schwer. Und wie kann es auch anders sein, wenn wir von der ganzen Marketingmaschinerie täglich darauf gepolt werden, dass Nehmen seliger ist als Geben. Und so nehmen wir uns dies und nehmen uns auch das und merken dabei gar nicht, dass wir in dem Wahn, alles haben zu müssen, immer mehr an Sein verlieren.

  • Warum ist Jesus gestorben? - eine Teilantwort

    Sündenvergebung lief im Alten Testament so ab, dass der Sünder (bzw. der Hohepriester stellvertretend für das ganze Volk) seine Hände auf den Kopf eines Kleinviehs legte, wodurch die Sünde vom Sünder auf das Tier überging, welches daraufhin getötet wurde.

    In Jesaja 53 heißt es, dass Jesus (der Gottesknecht) unsere Krankheit trug und unsere Schmerzen auf sich nahm.

    In 2. Petrus 2 heißt es, dass Jesus unsere Sünde ans Kreuz getragen hat.

    Ich werde den Verdacht nicht los, dass es neben den vielen gängigen Interpretationen des Kreuzes auch eine metaphysische Bedeutung gibt, die vielleicht nicht ganz so bekannt ist.

    Als sich Damian de Veuster 1873 dazu entschloss, als Arzt und Seelsorger in einer isolierten Leprakranken-Kolonie zu arbeiten, war ihm klar, auch die Krankheit der Leprakranken auf sich nehmen zu müssen. 1885 hat er sich angesteckt. 1889 ist er gestorben. Er tat es aus Liebe.

    Was Jesus von Damian des Veuster unterscheidet, ist der Umstand, dass er an unserer Krankheit nicht nur teilhat, sondern sie vollständig auf sich nimmt. Es ist ein Tausch, Krankheit gegen Gesundheit. Sünde gegen Heiligkeit. Gebundenheit gegen Freiheit.

    Nur, warum nimmt er unsere Sünde auf sich?

    Petrus sagt, um sie ans Kreuz zu bringen. Um also mit ihr zu sterben. Wenn er stirbt, dann stirbt die Sünde auch. Jesus öffnet eine Tür ins Totenreich. Er geht selbst hindurch und nimmt die Sünde wie ein Gepäckstück mit, um sie so aus dem Dasein zu verbannen. Da er der Sohn Gottes ist, kann ihn jedoch der Tod nicht halten. Er kommt wieder zurück. Aber die Sünde bleibt für immer im Tod, ohne uns weiter zu belästigen.

    Wenn das stimmt, warum sind wir und ist die ganze Welt dann immer noch voller Krankheit und Sünde?

    So wie der Sünder im alten Testament gezwungen war, seine Sünde auf das Tier zu übertragen, so können auch wir unsere Sünde nur loswerden, wenn wir sie auf Jesus übertragen. Beten wir also um Sündenvergebung, dann ist es so, als ob wir in Zeit und Raum 2000 Jahre zurückgehen, am Kreuz stehen und dort eigenhändig unsere Schuld ans Kreuz nageln. So gesehen ist das Kreuz wie ein schwarzes Loch, das Jesus vor 2000 Jahren einmal geöffnet hat und das immer noch da ist, um alles, was den Menschen krank macht, aufzusaugen und in den Tod zu katapultieren. Allerdings, so stark die Anziehungskraft des schwarzen Loches auch sein mag, sie ist nicht stark genug, um einem Menschen das, woran er sich klammert, mit Gewalt zu entreißen.

  • Wie Gott mit uns redet

    Um nahtlos an den letzten Beitrag anzuschließen und auch gleich auf den Punkt zu kommen, möchte ich festhalten, dass Gott, da er der Schöpfer ist, kein Teil der Schöpfung sein kann und daher außerhalb von Raum und Zeit in einer anderen Dimension existiert. Allerdings ist nicht nur Gott übernatürlich - wir sind es insofern auch, als dass wir als „beseelte Wesen“ einen Geist haben, der sich dem Supranaturalismus zufolge nicht aus den natürlichen Dingen erklären lässt und daher seinen Ursprung im Übernatürlichen haben muss. Wenn Gott nun als übernatürliches Geistwesen (klingt esoterisch, ist aber total biblisch) einen Menschen berührt oder zu einem Menschen spricht, dann tut er das, indem er den Geist eines Menschen berührt, bzw. zu seinem Geist spricht. Obwohl dieser Mensch weder akustisch noch mit irgendeinem anderen (natürlichen) Sinn davon etwas mitbekommt, spürt er dennoch, dass es Gott ist, der gerade "Kontakt aufnimmt".

    Vielleicht ist das vergleichbar mit einem träumenden Kind, an dessen Bettkante der Vater sitzt und mit ihm redet oder seine Hand greift. Obwohl das Kind bewusst nichts davon mitbekommt, können die Worte oder die Berührung dennoch in die Dimension seines Traums durchdringen und dort Wirkung zeigen. D.h. möglicherweise denkt die Person im Traum nun genau das, was der Vater gesagt hat oder die Berührung sorgt dafür, dass sich die ganze Traumatmosphäre ins Positive wandelt. Insofern ist es auch verständlich, dass Menschen in Folge einer Gottesbegegnung einen tiefen Frieden verspüren, denn was sie wirklich fühlen, ist die Hand Gottes, die ihren Geist berührt. Und das nicht irgendwie metaphorisch, sondern – aus Gottes Perspektive betrachtet – genauso real wie das Kind für den Vater real ist.

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