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  • Im Fitnessstudio

    Aus gegebenem Anlass, weil ich gerade spaßeshalber ein Probetraining in einem brandneuen Fitnessstudio absolviert habe, folgend noch einmal die Kurzgeschichte zum Thema. Ohne zu sehr an den Protagonisten erinnern zu wollen, aber die Art der Fitnesstrainer, oder, wie er sich vorgestellt hat, „Personal Coach“, ist schon recht gewöhnungsbedürftig. Nicht wirklich schlimm, aber halt ziemlich aufgesetzt. Und insofern unangenehm, als dass er in nahezu jedem Satz unbedingt meinen Namen mit unterbringen musste. Ich meine, so spricht man nicht, das fängt schnell an zu nerven. „Herzlich willkommen, Alexander!“ „Du siehst gut aus, Alexander!“ „Viel Spaß beim Training, Alexander!“ „Wenn du Fragen, hast, komm gerne auf mich zu, Alexander!“ Und dann ist die Stimmung irgendwie gekippt: „Sorry Alexander, im Moment habe ich leider keine Zeit, dir die Übung zu erklären!“ „Das Probetraining kostet übrigens 10€, Alexander!“ „Aber wenn du den Vertrag gleich unterschreibst, Alexander, dann gibt’s die 10€ natürlich zurück!“ „Wie, du willst dir das überlegen, Alexander?“ „Unterschreib den beschissenen Vertrag, Alexander!“ Gut, Letzteres hat er, bzw. später war es eine Sie, nicht explizit ausgesprochen, aber von ihrer Stirn konnte ich es klar und deutlich ablesen.

    Was ich mitnehme (die 10€ leider nicht, die sind weg): Man sollte tunlichst aufpassen, Freundlichkeit nicht mit Gutheit zu verwechseln. Oder vielleicht so gesagt: Nimm den Menschen ihren Grund, freundlich zu sein, und du nimmst ihnen auch ihre Gutheit.

    Und nun die Geschichte:

    Im Fitnessstudio

    Schon auf dem Weg ins Studio geht es los. Ich durch die Fußgängerzone. Zu Fuß. Mir kommt eine Frau entgegen. Damit es nicht knallt, weiche ich nach rechts aus. Sie scheint das nicht zu bemerken und schlägt ebenfalls rechts ein. Also von ihr aus links. Ich navigiere wieder nach links. Sie guckt und macht es mir nach. Wir sind uns mittlerweile sehr nahe. Ich bleibe stehen, will sie vorüberziehen lassen. Sie hat dasselbe vor. Wir schauen uns in die Augen. Ich gucke böse, denke, blöde Ziege. Sie lächelt. Ich lächle zurück. Sie nimmt Geschwindigkeit auf und zieht links an mir vorbei. Mein Lächeln versiegt. Ich ärgere mich über sie und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, mich über sie zu ärgern. Ich gehe weiter und ärgere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich verlasse die Fußgängerzone und ärgere mich, mich überhaupt zu ärgern. Wegen ihr. Der Frau, die nicht gucken kann.

    Am Studio angekommen habe ich die Wahl. Treppe oder Fahrstuhl. Die meisten nehmen den Fahrstuhl. Viele von denen kommen sogar mit dem Auto. Wohnen zwar um die Ecke, aber nehmen das Auto. Und dann den Fahrstuhl. Und danach ab aufs Laufband. Sich mal so richtig auspowern. Ich nehme immer die Treppe. Alles andere wäre Selbstverarsche. Ich gucke spöttisch Richtung Fahrstuhl. Zwei Mädchen steigen gerade ein. Kichernd und selbstverliebt. Sie tragen Leggings. Ein Blick auf die Oberschenkel verrät mir, dass sie noch nicht so lange hier sind. Oder sie sind schon lange hier, aber kichern zu viel während des Trainings. Sie sollten keine Leggings tragen, denke ich mir. Oder wenigstens noch nicht.

    Oben angekommen werde ich von der Thekenkraft freundlich begrüßt. Ich nicke ihr zu. Draußen auf der Straße würde sie mich keines Blickes würdigen. Aber als Job, wenn man dafür Geld kriegt, ist das natürlich was anderes. Da kann man auch ruhig mal freundlich sein. Andere verkaufen ihren Körper und sie muss mich halt nur freundlich begrüßen.

    Umziehen muss ich mich nicht. Am Anfang habe ich immer noch die Umkleidekabinen benutzt. Aber das mache ich schon lange nicht mehr. Es ist eklig. Es ist dreckig. Es stinkt widerlich nach Schweiß. Achselschweiß durchzogen mit verbrauchtem Deodorant. Unzählige Geruchspartikel schwirren durch den Raum. Lösen sich von den schweißdurchtränkten Achseln und finden den Weg direkt in meine Nase. Seitdem ich darüber nachgedacht habe, ziehe ich mich zu Hause um.

    Die beiden Mädchen aus dem Fahrstuhl sind scheinbar genauso geruchsempfindlich, denn auch sie haben ihre Sportbekleidung bereits an. Ich gucke ihnen zu, wie sie die beiden letzten Laufbänder belegen. 30€ zahle ich im Monat und immer sind die Laufbänder besetzt. Also stelle ich mich an und warte. Ein etwas älterer Herr ist bereits ganz außer Atem. Lange hält er nicht mehr durch, denke ich mir, und bewege mich schon einmal langsam in seine Richtung. Es ist wie auf dem Parkplatz. Wer die Parklücke zuerst entdeckt, darf rein. Der Mann atmet schwer. Doch sein Wille ist ungebrochen. Von weiter hinten höre ich das vertraute Kichern. Die beiden Mädchen haben schon wieder genug. Dahinter freuen sich zwei Jungs, so schnell an der Reihe zu sein. Der Herr vor mir keucht und hechelt. Weitere 5 Minuten vergehen, bis er dann endlich aufgibt. Ich merke ihm an, dass er gerne noch weiter laufen würde, aber sein Körper ist völlig am Ende. Ich male mir aus, wie die Jahre vergehen und er immer weniger Meter zurücklegen wird, bis er dann irgendwann seinen letzten Meter macht. Vielleicht würde er kämpfen, noch ein paar Meter mehr zu schaffen, aber so sehr er sich auch anstrengt, der letzte Meter würde kommen.

    Ich nicke ihm beim Absteigen zu. Fordere ihn mit Blicken auf, die Griffe mit dem dafür bereitstehenden Desinfektionsmittel zu reinigen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber den Unbelehrbaren ist das scheißegal. Er gehört zu den Anständigen und wischt bereitwillig die Griffe ab. Ich warte, bis er fertig ist und ein wenig länger, damit das Desinfektionsmittel einwirken kann. Dann besteige ich das Laufband. Keine 5 Minuten vergehen, da nähert sich mir eine Frau. Ungefähr mein Alter, vielleicht etwas jünger. Bildhübsch. Sie lächelt mich an. Ich lächle zurück. „Sag mal, wie lange brauchst du ungefähr noch?“ Meine Miene versteinert sich. Innerlich. Nach außen lächle ich sie immer noch an „Nicht mehr so lange“, sage ich, „vielleicht so 10 Minuten.“ „Gut, dann warte ich solange“, erwidert sie freundlich. Verpiss dich, denke ich. „Klar, mach das!“ sage ich. Sie lächelt. Ich lächle zurück.

    Weil ich es hasse, wenn jemand hinter mir steht, verkürze ich die 10 Minuten auf 5 Minuten. „Schon fertig?“ fragt sie. Leck mich, denke ich. „Ich mach noch schnell die Griffe sauber“, sage ich. Sie lächelt. Ich lächle. Ich mache mich auf den Weg Richtung Fitnessmatten.

    Wie immer beginne ich mit Liegestützen. 30 am Stück, mehr schaffe ich nicht. Ich bin bei 27, bei 28, bei 29, da höre ich hinter mir Frauenstimmen, die laut mitzählen. 30, 31, 32. Ich spüre, wie die Kraft auf einmal zurückkommt. Ich nehme die 40. Ich gehe auf die 50 zu. Irgendwann ist Schluss. Ich sacke in mich zusammen. Liege wie bewusstlos auf dem Boden. Hinter mir höre ich, wie weiter gezählt wird. 70,71,72. Ich blicke auf. Hinüber zu den Mädchen. Ich sehe einen durchtrainierten jungen Mann Liegestützen machen. Dahinter drei Frauen, die ihn lauthals anfeuern.

    Der junge Mann hat eine Wollmütze auf. Er ist nicht der Einzige. Viele junge Männer laufen herum, die eine Wollmütze aufhaben. Ich verstehe das nicht. Warum hat man beim Sport eine Wollmütze auf? Wollmützen trägt man im Winter, wenn es kalt ist. Aber doch nicht beim Sport. Sehen und gesehen werden, denke ich mir. In jeder Lebenslage eine gute Figur machen. Ich schaue hinunter zu den Füßen. Die Männer tragen vornehmlich Nike. Die Frauen Asics. Eine mit Stöckelschuhen ist nicht dabei.

    Der Raum mit den Hantelbänken ist wie immer gut gefüllt. Ein Raum voller Mützenträger. Die meisten kennen sich. Abseits der Herde picke ich mir das schwächste Glied heraus, um seine Hantelbank zu übernehmen. Ich nehme ihn ins Visier. Ebenfalls ein Mützenträger. Arme wie Bindfäden. Keine 20kg auf der Langhantel. „Hallo, können wir uns abwechseln?“, frage ich höflich. „Klar!“ sagt er. Wir wechseln uns ab. Während er dran ist, beobachte ich ihn. Nike Schuhe, Muskelshirt, Halskette. Seine Angepasstheit ist mir zuwider. „Ganz schön warm hier, was?“ bemerke ich. „Das kann man wohl sagen!“, erwidert er mit ungetrübter Freundlichkeit. Während er redet, kratzt er sich an der Mütze. Ein letztes Mal stemmt er die Langhantel, dann verabschiedet er sich Richtung Umkleidekabine.

    Ich schaue ihm nach, froh, nun die Bank für mich zu haben. Jemand tickt mir von hinten auf die Schulter. „Können wir uns abwechseln?“, höre ich ihn fragen. „Ich bin sowieso gerade fertig“, sage ich betont genervt. Ohne ihn anzugucken nehme ich mein Handtuch und ziehe von dannen.

    Die Blase drückt. Auch das noch, denke ich, denn um zu den Toiletten zu gelangen, muss man durch die Umkleidekabine hindurch. Schon beim Öffnen der Tür kommt mir dieser strenge Schweißgeruch entgegen. Ich versuche, nicht zu atmen. Beim Vorübergehen sehe ich die Mütze des Jungen mit der Langhantel auf der Umkleidebank liegen. Ich schaue mich um. Der Raum ist leer, nur aus der Dusche dringen Geräusche. Irgendetwas überkommt mich. Ich greife hastig nach der Mütze und schmeiße sie bei den Toiletten in den Mülleimer. Mit erleichterter Blase kehre ich zurück. Der Junge steht vor mir. Etwas Trauriges liegt in seinen Augen. „Hi“, sagt er, „hast du zufällig irgendwo meine Mütze gesehen?“ Ich verneine und ziehe eilig an ihm vorüber. An der Tür angelangt, fällt mein Blick noch einmal nach hinten. Dem Jungen direkt auf die Glatze. Auf seinem Hinterkopf prangt ein riesiger Blutschwamm.

  • Olaf Latzel – eine Kurzgeschichte

    Olaf Latzel schweigt. Seine Fingernägel bohren sich ins Lenkrad. Mit zusammen gepressten Lippen schaut er hinaus. Hinaus in die Kälte. In die Dunkelheit. Er versucht sie zu ignorieren. Die Stimmen um ihn herum. Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe. Olaf stellt das Radio aus. Doch die Stimmen sind immer noch da. Sie reden auf ihn ein. Sie diskutieren. Sie überschlagen sich. Eine Windböe erfasst das Auto. Olaf lenkt dagegen an, versucht in der Spur zu bleiben. Seine Augen stur auf die Fahrbahn gerichtet. Im Lichtkegel sieht er etwas. Er nimmt den Fuß vom Gas, verlangsamt die Fahrt. Dort hinten, halb auf der Straße. Im Schatten der Nacht kommt es ihm vor wie ein Tier. Ein totes Tier, vielleicht gerade überfahren. Die Füße von sich gestreckt. Doch es sind keine Füße. Es sind Reifen. Es sind die Reifen eines Motorrades. Ein Motorrad, das wie ein totes Tier am Straßenrand liegt. Die Stimmen im Auto verstummen. Olaf bringt den Wagen zum Stehen. Sein Blick wandert die Straße hoch. Dort hinten, am Ende des Lichtkegels ist noch etwas. Olaf reißt die Wagentür auf. Er stolpert aus dem Auto. Läuft los. „Hallo?“, ruft er in die Dunkelheit, „können Sie mich hören?“ Vor ihm liegt der Motorradfahrer. Stumm und regungslos mitten auf der Straße. Olaf handelt ohne nachzudenken. Er beugt sich zu ihm hinunter, sucht nach Leben, fühlt seinen Puls, aber er findet nichts. Olaf zuckt zusammen. Er weiß, er muss es tun. Mit zittrigen Fingern öffnet er den Verschluss des Motorradhelms, zieht ihn vorsichtig über den Kopf. Was er sieht, raubt ihm den Atem. Das Gesicht des Motorradfahrers ist blutüberströmt. Mitten auf der Stirn klafft eine tiefe Platzwunde. „Hallo?“ ruft Olaf noch einmal, „können Sie mich hören?“. Ohne eine Reaktion abzuwarten, öffnet Olaf ihm die Jacke und fängt an, mit beiden Händen fest gegen den Brustkorb zu drücken. Im Wechsel bläst er ihm Luft in die Nase und drückt wieder gegen die Brust. „Wach auf!“ ruft er und schlägt dem Motorradfahrer dabei mehrmals leicht auf die Wange. Plötzlich hört er eine Stimme. Aber es ist nicht die Stimme des Motorradfahrers, es sind die Stimmen aus dem Auto. „He, was tust du denn da?“ empört sich die eine. „Das ist Körperverletzung!“ schimpft die andere. „Du tust ihm doch weh!“ eine Dritte. Es sind die Gefährten von Olaf. In schwarzen Gewändern stehen sie im Halbkreis um ihn herum. Doch Olaf ignoriert sie. Er macht einfach weiter. Massiert dem Motorradfahrer weiter sein Herz. Bläst ihm weiter Luft in die Nase und schlägt ihm ein weiteres Mal leicht ins Gesicht. „Verdammt nochmal“, schreit er, „wach endlich auf!“ Seinen Gefährten entgleisen die Gesichtszüge. „Jetzt fängt er auch noch an zu fluchen!“, stöhnt der eine. „Nicht gerade sehr vorbildlich!“, bemerkt der andere. „Besonders für einen Pastor völlig daneben!“, ergänzt der Dritte. Aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung tauchen Lichter auf. Ein Auto rast heran. Bremst mit quietschenden Reifen. Zwei Männer steigen aus. Einer hält eine Kamera in der Hand. „Was ist denn hier los?“ ruft derjenige ohne Kamera, „wir sind gerade auf dem Weg zu einem Drehtermin, da tut sich vor uns dieses Bild auf!“ Die zwei sind vom Fernsehen. Die drei Gefährten nehmen sie freundlich in Empfang. „Es gab einen Unfall“, berichtet der eine. „Wir sind hier, um zu helfen“, betont der andere. Der Mann mit Kamera macht sich daran, die Szene abzufilmen. Er hält alles fest, die entsetzten Gesichter, den Verletzen, das viele Blut. Der Mann ohne Kamera deutet auf Olaf, welcher immer noch verbissen um das Leben des Motorradfahrers kämpft. „Was macht der denn da?“ fragt er in die Runde, „weiß er denn, was er tut? Er bringt ihn noch um!“ Die drei Gefährten nicken fleißig. Alle fünf stehen nun um Olaf herum. Die Kamera hält alles fest. Wie Olaf drückt und bläst und schlägt. Dann auf einmal hält Olaf inne. Für einen Moment öffnet der Motorradfahrer die Augen. Seine Lippen versuchen Worte zu formen. „Wo bin ich?“ fragt er leise. „Alles ist gut!“ versucht ihn einer der Gefährten zu beruhigen. „Ich bin schrecklich müde!“ flüstert der Motorradfahrer. Noch mitten im Satz fallen ihm die Augen wieder zu. „Nein!“, schreit Olaf, und versucht abermals, ihm ins Gesicht zu schlagen. Doch die Umstehenden lassen ihn nicht. Zwei der Gefährten packen ihn, rufen dabei: Keine Gewalt!“ Olaf versucht sich zu wehren, aber die beiden Gefährten haben ihn fest im Griff. Der Dritte steht ihm Gegenüber, hebt in würdevoller Geste seine Hand. „Olaf lass ihn“, sagt er, „er hat seinen Frieden gefunden!“ Blaulicht rauscht heran. Zwei Polizisten steigen aus dem Auto. Der Mann ohne Kamera sprintet ihnen entgegen. Hinter ihm der Mann mit der Kamera. „Gut, dass Sie kommen!“, ruft der Mann ohne Kamera, „wir haben einen Toten!“ Er legt eine kurze Pause ein, um die Worte sacken zu lassen, dann zeigt er auf Olaf. „Dieser Mann da, er hat ihn umgebracht!“

  • Jesus und der Koran

    Will man das Christentum mit dem Islam vergleichen, dann sind die beiden wesentlichen Vergleichspunkte nicht Jesus und Mohammed, sondern Jesus und der Koran, denn nur diese beiden nehmen für sich in Anspruch, Gottes Wort zu sein. Stellt man also Jesus dem Koran gegenüber, dann fällt auf, dass der moralische Anspruch, den Jesus an den Menschen stellt, noch einmal um Längen radikaler ist als der Anspruch des Korans. Denn z.B. steht im Koran auf Mord die Todesstrafe. Ebenso wie im alten Testament der Bibel. Jesus hingegen geht das nicht weit genug, seiner Meinung nach hat man bereits die Todesstrafe verdient, wenn man jemanden in Gedanken umbringt, was schon dann der Fall ist, wenn man ihn hasst oder einen Idioten nennt.

    Logischerweise hat es unter diesen Voraussetzungen der Koran mit dem Justizvollzug einfacher als Jesus. Denn wenn jeder hunderttausendste Mensch einen Mord begeht, dann müssen lediglich 0,001% aller Menschen mit dem Tod bestraft werden, während die übrigen 99,999% mit dem Leben davon kommen. Bei Jesus sieht die Sache anders aus, denn wenn man ehrlich ist, sind es volle 100%, an denen die Todesstrafe vollzogen werden müsste. Selbstredend muss jemand, der ein derart radikales Konzept von Schuld hat, sofern ihm etwas an der Menschheit liegt und er nicht allesamt verdammen will, ein ebenso radikales Konzept von Gnade haben. Und so ist es Jesus dann auch, der die Menschheit eben nicht verdammt, sondern sich vor die Menschheit stellt, um an ihrer Stelle verdammt zu werden, so wie Mose ja bereits schreibt: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“

    Nun könnte man fragen, wenn das die Konsequenz ist, dass einer sterben muss, nur weil man seinen Nachbarn einen Idioten genannt hat, ob Jesus nicht vielleicht etwas übers Ziel hinaus geschossen ist. Auf der anderen Seite: Den Drang, schlecht über jemanden zu denken, kann man vielleicht zwei Wochen unterdrücken. Den Drang, über jemanden, über den man schlecht denkt, auch schlecht zu reden, vielleicht zwei Monate. Den Drang, jemanden, über den man schlecht redet, auch Schlechtes anzutun, vielleicht zwei Jahre. Aber wenn der Mensch wirklich für die Ewigkeit geboren ist, dann kann es nicht darum gehen, irgendetwas so lange wie möglich zu unterdrücken, sondern dann darf dieses Irgendetwas – das Monster in uns (ich erinnere an den alten Extreme-Klassiker, auch Nuno ist ein Grund, warum ich an Gott glaube) – überhaupt nicht existieren.

    Im Anbetracht der Ewigkeit kann es so gesehen letztendlich nicht darum gehen, dass der Mensch sich anstrengt, irgendetwas zu überwinden, was er aus eigener Kraft gar nicht überwinden kann, sondern dann muss Gott diesem Irgendetwas – das Monster, das Böse, dysfunktionale neuronale Strukturen – ein Ende setzen.

    Ist jemand schwer krank, sagt man gemeinhin, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Ist die ganze Menschheit krank, dann ist sie es, die einen Schatten hat. Ist Jesus für die gesamte Menschheit gestorben, dann liegt der Schatten auf ihm (weswegen es zum Zeitpunkt seines Todes möglicherweise auch zu einer Sonnenfinsternis gekommen ist). Ist Jesus auferstanden, dann ganz ohne Schatten. Ist er der Erste von Vielen, die es ihm gleichtun werden, dann bleibt auch unser Schatten im Grab – dann sind wir nicht mehr nur ein Schatten unserer selbst, sondern dann sind wir endlich ganz wir selbst.

  • Evolution und Mensch-ärgere-dich-nicht

    Mit der Evolutionstheorie ist es bei mir so, da würde ich mir gerne alle Optionen offen halten; für den Fall der Fälle, dass ich irgendwann einmal vor Gott stehe und die Frage danach wider Erwarten doch irgendwie wichtig sein sollte.

    Wenn Gott mich also fragt, warum ich denn nicht an die Evolutionstheorie geglaubt hätte, schließlich sei sie doch total logisch und vollkommen korrekt, dann könnte ich sagen, habe ich ja, doch wollte ich das vor meinen Glaubensbrüdern nicht so heraus posaunen, um keine unnötigen Zweifel zu säen.

    Und wenn Gott mich fragt, warum ich denn nicht an die 6-Tage-Schöpfung geglaubt hätte, schließlich würde das doch in der Bibel stehen, dann könnte ich sagen, habe ich ja, doch ebenso wie Paulus die Sache des Glaubens verfochten hat, indem er den Römern ein Römer wurde, so hätte ich, und dies mit den allerbesten Absichten, vor Darwinisten den Darwinisten gemimt.

    Und wenn mich Gott daran erinnern würde, dass er allmächtig ist und daher selbstredend keine 6 Tage zur Fertigstellung der Schöpfung benötigt hätte, weswegen der Schöpfungsbericht zwar keine historische, aber dafür eine literarische Wahrheit enthalten würde, wo hingegen die Evolutionstheorie völliger Quatsch sei, da sowieso alles noch einmal total anders abgelaufen wäre und daher die Menschen mit ihrem klein bisschen Verstand auch bloß nicht glauben sollten, sie hätten die Natur oder gar ihn, also Gott durchschaut – dann würde ich energisch mit dem Kopf nicken und sagen, dass ich ganz seiner Meinung sei, wobei ich das bisher für mich behalten hätte, um auf die Anderen nicht irgendwie überheblich oder neunmalklug zu wirken.

    Und in der Tat würde Letztgenanntes meiner ehrlichen Meinung wohl noch am Ehesten entsprechen, denn was den Schöpfungsbericht angeht, glaube ich, dass er das Leben und deren Entstehung und Bedeutung in großartigen Bildern skizziert, aber darüber hinaus keinen Anspruch auf naturwissenschaftliche Validität erhebt.

    Und was die Evolutionstheorie angeht, da tun sich für mich insofern Fragen auf, als dass meine Intention mir sagt, dass so etwas Großartiges wie das Leben nicht durch blinden Zufall entstanden sein kann, zumal Zufall ja auch immer ein Verlegenheitswort für etwas ist, dass man nicht so richtig versteht. Allerdings bin ich auch kein Biologe, weswegen ich aufpassen muss, nicht zu viel Quatsch von mir zu geben.

    Und dennoch will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich jetzt gerade, auf der meditativen Suche nach dem fehlenden Mosaik, welches erklären würde, das aus Zufall etwas Sinnvolles entstehen kann, an Mensch-ärgere-dich-nicht denken muss. Denn bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist größtenteils auch alles Zufall. Und trotzdem gibt es übergeordnete Regeln, die dem Zufall sozusagen auf die Sprünge helfen. Zum Beispiel diejenige, dass ich erst aus dem Häuschen komme, wenn ich einen Sechserpasch würfele (war das überhaupt so oder genügt eine Sechs?). Jedenfalls mag es Zufall sein, einen Sechserpasch zu würfeln, aber der Sprung aus dem Häuschen, was man ja auch eine Art zielführenden Entwicklungsschritt nennen könnte, wäre kein Zufall, sondern regelgeleitet.

    Und dann, neben dem Regelwerk, gibt es ja auch noch den Siegeswillen des Mitspielers, bzw. den Spieltrieb, der das Spiel vorantreibt. So wie es im echten Leben den Lebenstrieb gibt, der das Leben vorantreibt. Den Willen also von Lebewesen, zu leben und sich fortzupflanzen und weiter zu entwickeln. Und diesen Trieb haben ja nicht nur die Menschen, Tiere und Pflanzen, sondern hat in einem monadischen Sinne möglicherweise die ganze Natur.

    Zusammen genommen wäre der Zufall eine Art Spielplatz, auf dem sich das Leben austoben könnte, wobei es gleichzeitig übergeordnete Lebensregeln und einen von innen wirkenden Lebenstrieb gebe, welche das Spiel in eine bestimmte regel- und triebkonforme Richtung lenken. Und warum wäre das so? Möglicherweise, weil Gott nicht nur den Menschen, sondern auch die Natur mir einer gewissen Form von Freiheit ausgestattet hat, die sich, wie beim Menschen, im Wechselspiel zwischen Wille, Umstand und Regel entfaltet.

    Aber das muss man auch alles nicht so ernst nehmen, letztlich lasse ich gerade lediglich bei einem kühlen Bier die Gedanken schweifen.

  • Ich liebe dich!

    Laut Hannah Arendt müsste man „Ich liebe dich“ idealerweise mit „volo ut sis“ übersetzen – „Ich will, dass du bist!“ Das Gegenteil von „Ich liebe dich!“ würde demnach lauten: „Ich will, dass du nicht bist!“ Die höchste Form der Liebe müsste dies mit einbeziehen und sagen können: „Ich will, dass du bist, selbst, wenn du nicht willst, dass ich bin!“ Gott, wenn er die höchste Form der Liebe ist, müsste sich als derjenige herausstellen, der unser Leben will, selbst wenn wir seinen Tod wollen. Für die Göttlichkeit eines Menschen, der von sich selbst behauptet, Gottes Sohn zu sein, würde demnach sprechen, dass er genau diese Form der göttlichen Liebe praktiziert: Dass Leben der Menschen zu wollen, indem er sie heilt, und gleichzeitig in Kauf zu nehmen, dass sie ihn zum Dank ans Kreuz nageln. Stellt der römische Hauptmann unter dem (Eindruck vom) Kreuz fest, dass dieser Mensch tatsächlich Gottes Sohn war, dann fällt ihm in diesem Moment auf, dass (nur) göttliche Liebe das Böse überwindet, indem sie das Böse über sich ergehen lässt. Ist Jesus wirklich der rechtmäßige König dieser Welt, dann gehört zu seinem Regierungsprogramm zwar auch die Auge-um-Auge-Justiz, aber bei ihm bedeutet das: „Ich gebe dir, dem Blinden, Augenlicht, selbst wenn du mir alle Lichter auspustest!“

  • Über die Dreieinigkeit Gottes

    Manche sagen ja, die Bibel wäre sehr undeutlich, was die Dreieinigkeit Gottes angeht. Ich sehe das anders. Ich finde sie dafür, dass diese Wahrheit seinerzeit gerade erst geboren wurde und die Menschen erst einmal begreifen mussten, was es damit auf sich hat, schon sehr genau. Zumal es auch immer schwierig ist, dass eigentlich Unfassbare in Worte zu fassen. Oder hatte Kepler bereits eine umfassende Theorie über das Weltall? Oder Planck eine über die Quanten? Und so sollte es auch nicht verwundern, wenn am Anfang einer noch viel schwierigeren, weil transzendenten Angelegenheit keine vollständige Systematik steht. Später hat sich ja dann so einiges an Hintergrund dazu entwickelt, einen interessanten Aspekt finde ich diesen:

    Ausgehend davon, dass Gott Liebe in Person ist, kann er eigentlich nicht Liebe in einer Person sein, da Liebe ein relationales Konzept ist, d.h. zur Liebe gehören immer mindestens zwei; einer, von der sie ausgeht und ein anderer, der sie empfängt. Nun könnte man meinen, dass Gott uns gerade deswegen geschaffen hat, um jemanden lieben zu können, aber das wäre schon eine sehr kümmerliche Vorstellung von Gott, wenn er etwas außerhalb von sich selbst nötig hätte. So gesehen muss Gott, weil er in sich vollkommen ist, sich selbst auch vollkommen lieben können. Das kann er aber wie gesagt nur, wenn er aus mindestens zwei Personen besteht. Wäre es anders und Gott bestünde aus nur einer Person, müsste man sich zudem fragen, wie er dazu fähig ist, so viele Facetten von Liebe zu kreieren, obwohl er von sich selbst nur die Selbstliebe kennt.

    Wenn Gott nun aus zwei Personen bestehen würde, dann hätte er ein Ich und ein Du und seine Liebe könnte von einem zum anderen übergehen. Allerdings ist dies auch noch keine vollkommene Form von Liebe, da sich aus einem Ich und einem Du für sich genommen kein Wir entwickeln und somit auch keine vollkommene Gemeinschaft entstehen kann. Denn damit sich zwei nicht nur als Ich und Du, sondern als Wir verstehen, dürfen sie sich nicht gegenseitig anschauen, sondern müssen gemeinsam auf etwas Drittes blicken, das beide verbindet. Weil sich aber bei der Liebe jedes Denken an Exklusivität verbietet, geht es nicht darum, dass Zwei sich in Abgrenzung zu einem Dritten definieren, sondern darum, dass sie den Dritten mit in ihr Liebesspiel hineinnehmen. Vater und Sohn sind für den Geist da. Vater und Geist sind für den Sohn da. Und Geist und Sohn sind für den Vater da. Das ist das göttliche Wechselspiel, aus dem heraus man ihre Liebe zueinander vielleicht am besten versteht.

    Warum nun Gott etwas außerhalb von sich selbst schafft, obwohl er etwas außerhalb von sich selbst gar nicht nötig hat, bleibt sein großes Geheimnis. Immerhin kann man davon ausgehen, dass er genug Liebe übrig hat, um auch uns in dieses Wechselspiel mit aufzunehmen, denn eine Liebe, die sich gegenseitig immer wieder neu befeuert, die kann ja eigentlich gar nicht anders als überzufließen.

  • Rosamunde Pilcher und die Hölle – nur eine Spekulation

    Ob man etwas als „Hölle auf Erden“ bezeichnet, hängt natürlich immer auch davon ab, welche Abneigungen man so pflegt. Für mich wäre zum Beispiel die Hölle, mir von Anfang bis Ende einen Rosamunde Pilcher Film ansehen zu müssen, was vor allem daran liegt, dass ich mit dieser süßlichen Art, über Liebe zu reden, nicht viel anfangen kann.

    Nun frage ich mich allerdings, was wohl wäre, wenn ich so weit entmenschlicht wäre, dass ich nicht nur mit Rosamunde Pilcher, sondern mit Liebe an sich nichts anfangen könnte. So Adolf Hitler im Endstadium.

    Im Buch der Offenbarung gibt es ja diesen Vers: „Und der Teufel, der sie verführte, wurde geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der falsche Prophet waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

    Wenn ich das lese, frage ich mich, wer quält hier eigentlich? Kann es möglicherweise sein, dass es Gottes Liebe ist, die auch in der Hölle brennt, aber weil der Teufel und die Seinen und Gleichgesinnten sie scheuen wie das Weihwasser, wird das, was eigentlich heilsam ist, ihnen zur Qual? Und hier muss ich nun an Hannelore Kohl denken, die aufgrund einer Lichtallergie ihren Lebensabend mehr oder weniger im dunklen Keller verbracht hat. Wenn Gott also Licht ist, dann hat möglicherweise auch der Teufel so eine Art Lichtallergie, aber es gibt in der Hölle keinen Keller, wo man sich vor diesem Licht verstecken könnte.

    Ist das so, drängt sich natürlich die Frage auf, warum überhaupt ein von Gott geschaffenes Wesen so sehr entwurzelt sein kann, dass es lieber vor Gott flüchtet, als sich seiner Liebe auszusetzen. Dazu zwei Gedanken:

    Erstens kennt man ja vom Menschen, dass sich die eigenen selbst verschuldeten Qualen auf eine seltsame, selbstgefällige Art auch sehr gut anfühlen können – so gut, dass man lieber darin verharrt, anstatt seine Schuld einzugestehen. Man denke dabei – früh übt sich – zum Beispiel an einen Vierjährigen, der lieber hungrig ins Bett geht, anstatt sich bei seiner Mutter zu entschuldigen. Oder man denke an den Spruch „Wer anderen etwas nachträgt, der hat die meiste Last“. Würde sich diese Last nicht auch irgendwie gut anfühlen, dann gäbe es keinen Grund, sie noch länger mit sich herumzuschleppen.

    Und nun zweitens kennt man ja leider auch vom Menschen, und hier bin ich wieder bei Hitler, dass das Böse so sehr von einer Person Besitz ergreifen kann, dass irgendwann beide miteinander verschmelzen und man nicht mehr weiß, wo die Person anfängt und das Böse aufhört. So wie mit meinem Pausenbrot, das ich als Schuljunge in meinem Ranzen vergessen hatte, da hätte man nach 7 Wochen auch nicht geahnt, dass der schrumpelige grüne Schimmelschwamm einmal essbar war. Was ich sagen will, wenn also alle Stimmen, die in einer Person „Zurück!“ rufen, erst einmal verstummt sind, dann kann es für diese Person eigentlich auch kein Zurück mehr geben.

    Und jetzt wäre ich eigentlich fertig, aber ich muss noch an den reichen Mann denken, der in dem Lazarus-Gleichnis von Jesus in der Hölle landet und dort Qualen leidet. Aus dem, was er sagt, kann man nicht schließen, dass er Gottes Liebe per se nicht erträgt, denn sonst würde er sich nicht in Abrahams Schoß wünschen. Wenn aber nicht das, dann kann ich mir stattdessen gut vorstellen, dass seine Qualen daher rühren, dass er in dem klaren Licht der Liebe Gottes auf einmal einen ungetrübten Blick auf sein bisheriges Leben hat und mit Schrecken erkennt, was er sich und seinen Mitmenschen so alles angetan hat. So gesehen wäre ein großer Unterschied zwischen Himmel und Hölle, dass man im Himmel aus angenommener Vergebung lebt, während man in der Hölle von dem eigenen Versagen aufgefressen wird.

    Aber ich zitiere noch einmal aus der Überschrift, all dies ist Spekulation.

  • Gott und Moral

    Mindestens zwei Dinge fallen mir auf Anhieb ein, die a priori feststehen, ohne dass man sie noch groß begründen müsste. Das eine ist, dass aus Nichts nichts werden kann. Und das andere, dass der Mensch ein moralisches Wesen ist.

    Ersteres ist selbstevident und bedarf daher keiner weiteren Erklärung, denn wenn ich daran zweifeln würde, dass auch Nichts nichts werden kann, dann muss ich auch gleichsam an meiner Logik zweifeln. Wenn ich aber erst einmal soweit bin, an meiner zuverlässigsten Denkmethode zu zweifeln, dann muss ich eigentlich gar nicht mehr nachdenken und dann ist auch egal, ob aus Nichts nichts oder doch etwas werden kann.

    Hinsichtlich zweiterem könnte man zwar immer noch fragen, warum man moralisch sein soll, doch weil man, indem man die Frage stellt, bereits nicht mehr moralisch ist, da man nach Gründen sucht, welche die Moral rechtfertigen, erübrigt sich auch diese Frage. D.h. moralisch bin ich nur dann, wenn ich einsehe, dass man einen anderen Menschen per se nicht töten darf. Wenn ich anfange, nach Gründen zu suchen und z.B. sage, ich darf ihn nicht töten, weil ich dann eingesperrt werde, bin ich in dem Fall schon nicht mehr moralisch.

    Wenn also zum Ersten aus Nichts nichts werden kann, dann muss das Universum – müssen wir – aus irgendetwas hervorgegangen sein. Weil aber das, woraus wir hervorgegangen sind, größer sein muss als wir sind, muss Gott, weil wir moralisch sind, mindestens auch moralisch sein. Weil Moral aber eine personale Eigenschaft ist, muss Gott mindestens Person sein.

    Insofern aber zum Zweiten der Mensch a priori einsieht, sich moralisch verhalten zu sollen, aber es in vielen Fällen nicht tut, gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was der Mensch sein soll und dem, was der Mensch ist. Weil aber Gott es ist, der die Moral in den Menschen hineingelegt hat, gibt es somit auch eine Diskrepanz zwischen Mensch und Gott.

    Das Dilemma dabei ist, dass es dem Menschen unmöglich ist, seinen eigenen Schaden zu reparieren. Gott wäre es zwar möglich, aber von außen kann er nicht viel tun. D.h. er könnte den Menschen zwar dazu zwingen, moralisch zu sein, doch weil der Mensch somit einen Grund hätte, moralisch sein zu müssen, wäre er schon nicht mehr moralisch. Oder er könnte auch den Menschen so ummogeln, dass er gar nicht anders kann als moralisch zu sein, aber weil Moral immer ein freiwilliger Akt ist, auch moralisch sein zu wollen, wäre er damit auch nicht mehr moralisch (ebenso wenig wie eine Maschine moralisch wäre, die sich moralisch verhält).

    Weil sich der Mensch aber lediglich dazu entscheiden kann, moralisch sein zu wollen, aber nicht dazu, es auch zu sein (ein Alkoholiker kann zwar mit dem Trinken aufhören wollen, aber er kann nicht mit dem Trinken aufhören), ist die wahre freie Entscheidung, die er zu fällen hat, nicht die, zwischen „moralisch falsch“ und „moralisch richtig“, sondern die, für oder gegen einen moralischen Gott, der ihn dazu befähigt, das moralisch Richtige nicht nur zu wünschen, sondern auch zu wählen.

  • Das Leben ist ein Geben und Nehmen

    Ein wichtiger Aspekt des Gebens ist, dass man nicht nur seine Gabe gibt, sondern dass man sein Geben gibt – und damit sich selbst. Wenn somit der Geber seine Gabe, sein Geben und auch sich selbst zu verschenken hat, dann liegt es am Beschenkten, nicht nur die Gabe anzunehmen, sondern gleichsam auch das Geben und den Geber.

    Demnach entsteht echte Gemeinschaft nur dann, wenn der Geber gerne gibt und der Nehmer gerne nimmt. Denn wenn der Geber nicht gerne und aus freien Stücken gibt, dann gibt er zwar seine Gabe, aber nicht sich selbst. Und wenn der Nehmer nicht gerne nimmt oder es ihm unangenehm ist, etwas geschenkt zu bekommen, dann nimmt er zwar die Gabe, aber nicht den Geber.

  • Wofür man beten soll

    Ich hatte mich ja bereits als großer Fan von Erich Fromm geoutet. Speziell von „Haben oder Sein“. Und nun frage ich mich gerade, ob man das Prinzip von Haben oder Sein nicht auch auf Gott anwenden kann. Beziehungsweise auf unsere Erwartungshaltung ihm gegenüber. D.h. ist Gott gut und wir denken ihn in der Kategorie „Haben“, dann gehen wir davon aus, dass er viele Güter hat, die im besten Fall auf uns übergehen. Denken wir ihn hingegen in der Kategorie „Sein“, dann ist er gütig und nicht seine Güter, sondern seine Güte geht auf uns über. Bzw. auch nicht auf uns über, sondern durch uns hindurch, was insofern einen Unterschied macht, als dass die Güte zu den Dingen gehört, die man erst besitzt, nachdem man sie weggegeben hat.

    Oder wie der Philosoph Emmanuel Levinas das alles formuliert:

    „Gott überhäuft mich nicht mit Gütern, sondern er drängt mich zur Güte, was besser ist als alle Güter, womit man uns überhäufen könnte“.

    Wofür soll man also beten? Vielleicht zunächst einmal darum, etwas von Gottes Güte abzubekommen, damit man dann, wenn man etwas von Gottes Gütern abbekommt, damit auch gütig umgehen kann.

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