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  • Mein MP3 Player und die Grundfesten des Glaubens

    Im Grunde bin ich mit meinem MP3 Player sehr zufrieden. Kristallklarer Sound und ein Bass, da wummert es ordentlich in den Ohren. Einziges Manko: Die On/Off Taste ist leider sehr empfindlich, so dass das Ding manchmal einfach so angeht. Passiert das unbemerkt, frisst das den ganzen Akku auf, was dann, wenn ich ihn anschließend benutzen will, natürlich sehr ärgerlich ist. Fast hätte ich dazu letztens auch schon eine Amazon-Kundenrezension geschrieben, so von wegen, vier Punkte, super Teil, aber leider äußerst empfindliche On/Off Taste. Gott sei Dank habe ich es gelassen, denn gerade eben ist mir aufgefallen, dass sich versteckt an der Seite noch eine „Hold“-Taste befindet. Drücke ich diese, kann auch bei schwerster Erschütterung nichts mehr passieren.

    Wie nun mit dem MP3 Player, so ist das im Grunde auch mit Gott. Das heißt, auch ihm gegenüber habe ich ein Grundgefühl, dass er gut ist und dementsprechend auch seine geschaffene Welt gut sein muss. Nehme ich nun wahr, dass Gott Dinge tut, die ich nicht verstehe (z.B. ganze Völker zu bestrafen oder auf scheinbar lässliche Vergehen drakonische Strafen zu verhängen) oder passieren auf seiner Welt Dinge, die ich nicht verstehe (z.B. Erdbeben oder Krankheiten), dann mahnt mich mein MP3 Player: Man sollte nicht vorschnell urteilen, sondern in der Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, die Dinge auch mal stehen lassen können.

    Die natürliche Richtung des (christlichen) Glaubens ist nämlich, dass man eine unmittelbare Gotteserfahrung macht, die sich tief in das menschliche Herz eingräbt und mittels Gefühl und Verstand die Überzeugung keimen lässt, dass Gott absolut vertrauenswürdig ist. Ist man aber erst einmal zu dieser Grundüberzeugung gelangt, dann wird man automatisch jede Erkenntnis oder Erfahrung, die man über oder mit Gott macht, diesem Grundgefühl unterordnen. So wie ein Kind von guten Eltern: Obwohl es hin und wieder bestraft wird oder etwas essen muss, was überhaupt nicht schmeckt, weiß es doch, dass die Eltern, in allem, was sie tun, es eigentlich gut mit einem meinen.

    Die unnatürliche Richtung des Glaubens wäre hingegen, wenn man diese Grunderfahrung nie gemacht hätte und stattdessen, von einer Pro- und Contra-Liste ausgehend, zu der Überzeugung kommt, das Gott entweder gut oder böse ist, bzw. es ihn gar nicht gibt. Geht man so an die Dinge heran, stellt sich allerdings das Problem, dass man nie wirklich wissen kann, ob Gott gut, böse oder gar nicht vorhanden ist, da sowohl die Pro- als auch die Contra-Seite gezwungenermaßen, weil niemand alles weiß, immer unvollendet bleibt. D.h. selbst wenn man auf der Pro-Seite gerade drei Argumente mehr verbuchen kann, wird man sich niemals sicher sein können, ob, alles zusammen genommen, nicht doch die Contra-Seite länger ist.

    Insofern das menschliche Erkenntnisvermögen also unvollkommen ist, kann verlässliche Erkenntnis über Gott nur aus Gott selbst kommen. Und demgemäß heißt es auch in einem meiner Lieblingsverse aus der Bibel:

    „Denn derselbe Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht hervorstrahlen!, der hat es auch in unseren Herzen hell werden lassen, sodass wir in der Person von Jesus Christus den vollen Glanz von Gottes Herrlichkeit erkennen.“

    Fernab von jedwedem Erlebnisglauben ist es also Gott, der still und heimlich die Erkenntnis Gottes direkt in unser Herz fließen lässt. Allerdings nicht als abstraktes Gefühl, dass Gott Liebe ist, sondern als konkreter Hinweis auf die Person Jesus. Denn wenn eben dieser sagt und danach handelt, dass niemand größere Liebe hat als der, welcher sein Leben für seine Freunde (und gar Feinde) lässt, dann führt die Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, nur über die Grunderfahrung, dass Gott am Kreuz gestorben ist. In diesem Bewusstsein können viele Fragen unbeantwortet bleiben – und dennoch weiß man, dass es auf alles eine zufriedenstellende Antwort gibt. Und nur mit der tiefen Gewissheit, die Wahrheit bereits in sich zu tragen, kann man dann auch Zeiten der Ungewissheit ganz gut aushalten, so wie es sehr schön in einem Gedicht von Goethe beschrieben steht:

    Wer will denn alles gleich ergründen!
    Sobald der Schnee schmilzt, wird sich’s finden.
    Hier hilft nun weiter kein Bemühn!
    Sind’s Rosen, nun sie werden blühn.

  • Notiz: Evolution, Gott und Leid

    Man könnte sich fragen, ob Gott nicht auch eine Welt ohne Leid hätte schaffen können. Antwort: Hätte er, aber dann auch ohne Menschen. Jedenfalls unter evolutionären Gesichtspunkten betrachtet. Denn allerletzten Endes sind es die Naturgesetze, die sowohl für Glück als auch für Leid verantwortlich sind – beispielsweise das Glück, zu fliegen und das Leid, abstürzen zu können. Dieselben Naturgesetze sind es aber auch, die laut anthropischem Prinzip den Menschen hervorgebracht haben. D.h. dass überhaupt der Mensch aus der Evolution hervorgegangen ist, ist kein Zufall, sondern die Natur neigt scheinbar dazu, sich unter den Lebensbedingungen, die von den Naturgesetzen diktiert werden, in Richtung Mensch zu entwickeln, bzw. Intelligenz und Sinnesorgane herauszubilden und als Summe dieser Auswüchse irgendwann den Menschen. Würde man nun die Naturgesetze etwas anders justieren, könnte man sich Lebensbedingungen für eine Welt ohne Leid vorstellen. Weil aber die Existenz des Menschen an die Naturgesetze, so wie sie sind, geknüpft ist, wäre eine Welt mit abgeänderten Naturgesetzen kein für den Menschen geeigneter Lebensraum. Insofern hat Leibniz vermutlich Recht und wir leben tatsächlich in der bestmöglichen aller Welten. D.h. würde man das komplexe Zusammenspiel von Naturgesetzen und Lebensbedingungen wirklich verstehen, dann würde man sehr wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass menschliches Leben nur in diesem spezifischen Rahmen entstehen konnte. Ob es sich aus diesem Rahmen heraus evolviert oder ob Gott das menschliche Leben auf eine Weise verändert, dass es auf einmal unter anderen Lebensbedingungen funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist das Leben, so wie wir es kennen, scheinbar nur als „Package Deal“ zu haben.

  • Bilder von Gott

    Du sollst dir kein Bild von Gott machen, so lautet gleich das erste Gebot. Aber warum eigentlich nicht? Mindestens zwei Gründe fallen mir ein. Erstens legt der Mensch in ein Bild immer auch seine Menschlichkeit und damit seine Schattenseiten und Abgründe hinein. Anthropomorph nennt man das – dem Nichtmenschlichen eine menschliche Form geben. Gott ist aber kein Mensch und hat somit auch keine Schattenseiten und Abgründe. Und zweitens hat Gott bereits selbst ein Bild von sich gemacht. Wer mich sieht, der sieht den Vater, sagt Jesus. Es gibt also keine zwei Bilder, eins vom Sohn und eins vom Vater, sondern das Bild vom Sohn ist das Bild vom Vater. Der Vater ist nicht der Sohn, aber im Sohn ist alles offenbart, was der Vater von sich offenbaren will, bzw. wir imstande sind, zu begreifen. Den Vater ohne den Sohn ansehen zu wollen, hieße dann, sich auf die eigenen menschlichen Projektionen zu verlassen und Gott abermals in Schatten und Dunkelheit zu tauchen.

  • Glauben und Warten

    Nach Jörg Splett könnte man die Geschichte vom Sündenfall auch so verstehen, dass der Mensch einfach nicht warten konnte. D.h. am Baum der Erkenntnis hängen hübsche Äpfel, die der Mensch allerdings nicht essen darf, weil Gott sie für das Apfelkompott zum Abendbrot eingeplant hat. Sünde hätte damit sehr viel mit Ungeduld zu tun. Glauben würde dagegen bedeuten, eine (defizitäre) Situation im Vertrauen auf Gott aushalten zu können. Leben wir also, um zu glauben, dann leben wir, um zu warten und im Warten Vertrauen zu lernen.

    Mehr zur Sache mit dem Sündenfall, siehe Baum der Erkenntnis

  • Im Fitnessstudio

    Aus gegebenem Anlass, weil ich gerade spaßeshalber ein Probetraining in einem brandneuen Fitnessstudio absolviert habe, folgend noch einmal die Kurzgeschichte zum Thema. Ohne zu sehr an den Protagonisten erinnern zu wollen, aber die Art der Fitnesstrainer, oder, wie er sich vorgestellt hat, „Personal Coach“, ist schon recht gewöhnungsbedürftig. Nicht wirklich schlimm, aber halt ziemlich aufgesetzt. Und insofern unangenehm, als dass er in nahezu jedem Satz unbedingt meinen Namen mit unterbringen musste. Ich meine, so spricht man nicht, das fängt schnell an zu nerven. „Herzlich willkommen, Alexander!“ „Du siehst gut aus, Alexander!“ „Viel Spaß beim Training, Alexander!“ „Wenn du Fragen, hast, komm gerne auf mich zu, Alexander!“ Und dann ist die Stimmung irgendwie gekippt: „Sorry Alexander, im Moment habe ich leider keine Zeit, dir die Übung zu erklären!“ „Das Probetraining kostet übrigens 10€, Alexander!“ „Aber wenn du den Vertrag gleich unterschreibst, Alexander, dann gibt’s die 10€ natürlich zurück!“ „Wie, du willst dir das überlegen, Alexander?“ „Unterschreib den beschissenen Vertrag, Alexander!“ Gut, Letzteres hat er, bzw. später war es eine Sie, nicht explizit ausgesprochen, aber von ihrer Stirn konnte ich es klar und deutlich ablesen.

    Was ich mitnehme (die 10€ leider nicht, die sind weg): Man sollte tunlichst aufpassen, Freundlichkeit nicht mit Gutheit zu verwechseln. Oder vielleicht so gesagt: Nimm den Menschen ihren Grund, freundlich zu sein, und du nimmst ihnen auch ihre Gutheit.

    Und nun die Geschichte:

    Im Fitnessstudio

    Schon auf dem Weg ins Studio geht es los. Ich durch die Fußgängerzone. Zu Fuß. Mir kommt eine Frau entgegen. Damit es nicht knallt, weiche ich nach rechts aus. Sie scheint das nicht zu bemerken und schlägt ebenfalls rechts ein. Also von ihr aus links. Ich navigiere wieder nach links. Sie guckt und macht es mir nach. Wir sind uns mittlerweile sehr nahe. Ich bleibe stehen, will sie vorüberziehen lassen. Sie hat dasselbe vor. Wir schauen uns in die Augen. Ich gucke böse, denke, blöde Ziege. Sie lächelt. Ich lächle zurück. Sie nimmt Geschwindigkeit auf und zieht links an mir vorbei. Mein Lächeln versiegt. Ich ärgere mich über sie und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, mich über sie zu ärgern. Ich gehe weiter und ärgere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich verlasse die Fußgängerzone und ärgere mich, mich überhaupt zu ärgern. Wegen ihr. Der Frau, die nicht gucken kann.

    Am Studio angekommen habe ich die Wahl. Treppe oder Fahrstuhl. Die meisten nehmen den Fahrstuhl. Viele von denen kommen sogar mit dem Auto. Wohnen zwar um die Ecke, aber nehmen das Auto. Und dann den Fahrstuhl. Und danach ab aufs Laufband. Sich mal so richtig auspowern. Ich nehme immer die Treppe. Alles andere wäre Selbstverarsche. Ich gucke spöttisch Richtung Fahrstuhl. Zwei Mädchen steigen gerade ein. Kichernd und selbstverliebt. Sie tragen Leggings. Ein Blick auf die Oberschenkel verrät mir, dass sie noch nicht so lange hier sind. Oder sie sind schon lange hier, aber kichern zu viel während des Trainings. Sie sollten keine Leggings tragen, denke ich mir. Oder wenigstens noch nicht.

    Oben angekommen werde ich von der Thekenkraft freundlich begrüßt. Ich nicke ihr zu. Draußen auf der Straße würde sie mich keines Blickes würdigen. Aber als Job, wenn man dafür Geld kriegt, ist das natürlich was anderes. Da kann man auch ruhig mal freundlich sein. Andere verkaufen ihren Körper und sie muss mich halt nur freundlich begrüßen.

    Umziehen muss ich mich nicht. Am Anfang habe ich immer noch die Umkleidekabinen benutzt. Aber das mache ich schon lange nicht mehr. Es ist eklig. Es ist dreckig. Es stinkt widerlich nach Schweiß. Achselschweiß durchzogen mit verbrauchtem Deodorant. Unzählige Geruchspartikel schwirren durch den Raum. Lösen sich von den schweißdurchtränkten Achseln und finden den Weg direkt in meine Nase. Seitdem ich darüber nachgedacht habe, ziehe ich mich zu Hause um.

    Die beiden Mädchen aus dem Fahrstuhl sind scheinbar genauso geruchsempfindlich, denn auch sie haben ihre Sportbekleidung bereits an. Ich gucke ihnen zu, wie sie die beiden letzten Laufbänder belegen. 30€ zahle ich im Monat und immer sind die Laufbänder besetzt. Also stelle ich mich an und warte. Ein etwas älterer Herr ist bereits ganz außer Atem. Lange hält er nicht mehr durch, denke ich mir, und bewege mich schon einmal langsam in seine Richtung. Es ist wie auf dem Parkplatz. Wer die Parklücke zuerst entdeckt, darf rein. Der Mann atmet schwer. Doch sein Wille ist ungebrochen. Von weiter hinten höre ich das vertraute Kichern. Die beiden Mädchen haben schon wieder genug. Dahinter freuen sich zwei Jungs, so schnell an der Reihe zu sein. Der Herr vor mir keucht und hechelt. Weitere 5 Minuten vergehen, bis er dann endlich aufgibt. Ich merke ihm an, dass er gerne noch weiter laufen würde, aber sein Körper ist völlig am Ende. Ich male mir aus, wie die Jahre vergehen und er immer weniger Meter zurücklegen wird, bis er dann irgendwann seinen letzten Meter macht. Vielleicht würde er kämpfen, noch ein paar Meter mehr zu schaffen, aber so sehr er sich auch anstrengt, der letzte Meter würde kommen.

    Ich nicke ihm beim Absteigen zu. Fordere ihn mit Blicken auf, die Griffe mit dem dafür bereitstehenden Desinfektionsmittel zu reinigen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber den Unbelehrbaren ist das scheißegal. Er gehört zu den Anständigen und wischt bereitwillig die Griffe ab. Ich warte, bis er fertig ist und ein wenig länger, damit das Desinfektionsmittel einwirken kann. Dann besteige ich das Laufband. Keine 5 Minuten vergehen, da nähert sich mir eine Frau. Ungefähr mein Alter, vielleicht etwas jünger. Bildhübsch. Sie lächelt mich an. Ich lächle zurück. „Sag mal, wie lange brauchst du ungefähr noch?“ Meine Miene versteinert sich. Innerlich. Nach außen lächle ich sie immer noch an „Nicht mehr so lange“, sage ich, „vielleicht so 10 Minuten.“ „Gut, dann warte ich solange“, erwidert sie freundlich. Verpiss dich, denke ich. „Klar, mach das!“ sage ich. Sie lächelt. Ich lächle zurück.

    Weil ich es hasse, wenn jemand hinter mir steht, verkürze ich die 10 Minuten auf 5 Minuten. „Schon fertig?“ fragt sie. Leck mich, denke ich. „Ich mach noch schnell die Griffe sauber“, sage ich. Sie lächelt. Ich lächle. Ich mache mich auf den Weg Richtung Fitnessmatten.

    Wie immer beginne ich mit Liegestützen. 30 am Stück, mehr schaffe ich nicht. Ich bin bei 27, bei 28, bei 29, da höre ich hinter mir Frauenstimmen, die laut mitzählen. 30, 31, 32. Ich spüre, wie die Kraft auf einmal zurückkommt. Ich nehme die 40. Ich gehe auf die 50 zu. Irgendwann ist Schluss. Ich sacke in mich zusammen. Liege wie bewusstlos auf dem Boden. Hinter mir höre ich, wie weiter gezählt wird. 70,71,72. Ich blicke auf. Hinüber zu den Mädchen. Ich sehe einen durchtrainierten jungen Mann Liegestützen machen. Dahinter drei Frauen, die ihn lauthals anfeuern.

    Der junge Mann hat eine Wollmütze auf. Er ist nicht der Einzige. Viele junge Männer laufen herum, die eine Wollmütze aufhaben. Ich verstehe das nicht. Warum hat man beim Sport eine Wollmütze auf? Wollmützen trägt man im Winter, wenn es kalt ist. Aber doch nicht beim Sport. Sehen und gesehen werden, denke ich mir. In jeder Lebenslage eine gute Figur machen. Ich schaue hinunter zu den Füßen. Die Männer tragen vornehmlich Nike. Die Frauen Asics. Eine mit Stöckelschuhen ist nicht dabei.

    Der Raum mit den Hantelbänken ist wie immer gut gefüllt. Ein Raum voller Mützenträger. Die meisten kennen sich. Abseits der Herde picke ich mir das schwächste Glied heraus, um seine Hantelbank zu übernehmen. Ich nehme ihn ins Visier. Ebenfalls ein Mützenträger. Arme wie Bindfäden. Keine 20kg auf der Langhantel. „Hallo, können wir uns abwechseln?“, frage ich höflich. „Klar!“ sagt er. Wir wechseln uns ab. Während er dran ist, beobachte ich ihn. Nike Schuhe, Muskelshirt, Halskette. Seine Angepasstheit ist mir zuwider. „Ganz schön warm hier, was?“ bemerke ich. „Das kann man wohl sagen!“, erwidert er mit ungetrübter Freundlichkeit. Während er redet, kratzt er sich an der Mütze. Ein letztes Mal stemmt er die Langhantel, dann verabschiedet er sich Richtung Umkleidekabine.

    Ich schaue ihm nach, froh, nun die Bank für mich zu haben. Jemand tickt mir von hinten auf die Schulter. „Können wir uns abwechseln?“, höre ich ihn fragen. „Ich bin sowieso gerade fertig“, sage ich betont genervt. Ohne ihn anzugucken nehme ich mein Handtuch und ziehe von dannen.

    Die Blase drückt. Auch das noch, denke ich, denn um zu den Toiletten zu gelangen, muss man durch die Umkleidekabine hindurch. Schon beim Öffnen der Tür kommt mir dieser strenge Schweißgeruch entgegen. Ich versuche, nicht zu atmen. Beim Vorübergehen sehe ich die Mütze des Jungen mit der Langhantel auf der Umkleidebank liegen. Ich schaue mich um. Der Raum ist leer, nur aus der Dusche dringen Geräusche. Irgendetwas überkommt mich. Ich greife hastig nach der Mütze und schmeiße sie bei den Toiletten in den Mülleimer. Mit erleichterter Blase kehre ich zurück. Der Junge steht vor mir. Etwas Trauriges liegt in seinen Augen. „Hi“, sagt er, „hast du zufällig irgendwo meine Mütze gesehen?“ Ich verneine und ziehe eilig an ihm vorüber. An der Tür angelangt, fällt mein Blick noch einmal nach hinten. Dem Jungen direkt auf die Glatze. Auf seinem Hinterkopf prangt ein riesiger Blutschwamm.

  • Olaf Latzel – eine Kurzgeschichte

    Olaf Latzel schweigt. Seine Fingernägel bohren sich ins Lenkrad. Mit zusammen gepressten Lippen schaut er hinaus. Hinaus in die Kälte. In die Dunkelheit. Er versucht sie zu ignorieren. Die Stimmen um ihn herum. Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe. Olaf stellt das Radio aus. Doch die Stimmen sind immer noch da. Sie reden auf ihn ein. Sie diskutieren. Sie überschlagen sich. Eine Windböe erfasst das Auto. Olaf lenkt dagegen an, versucht in der Spur zu bleiben. Seine Augen stur auf die Fahrbahn gerichtet. Im Lichtkegel sieht er etwas. Er nimmt den Fuß vom Gas, verlangsamt die Fahrt. Dort hinten, halb auf der Straße. Im Schatten der Nacht kommt es ihm vor wie ein Tier. Ein totes Tier, vielleicht gerade überfahren. Die Füße von sich gestreckt. Doch es sind keine Füße. Es sind Reifen. Es sind die Reifen eines Motorrades. Ein Motorrad, das wie ein totes Tier am Straßenrand liegt. Die Stimmen im Auto verstummen. Olaf bringt den Wagen zum Stehen. Sein Blick wandert die Straße hoch. Dort hinten, am Ende des Lichtkegels ist noch etwas. Olaf reißt die Wagentür auf. Er stolpert aus dem Auto. Läuft los. „Hallo?“, ruft er in die Dunkelheit, „können Sie mich hören?“ Vor ihm liegt der Motorradfahrer. Stumm und regungslos mitten auf der Straße. Olaf handelt ohne nachzudenken. Er beugt sich zu ihm hinunter, sucht nach Leben, fühlt seinen Puls, aber er findet nichts. Olaf zuckt zusammen. Er weiß, er muss es tun. Mit zittrigen Fingern öffnet er den Verschluss des Motorradhelms, zieht ihn vorsichtig über den Kopf. Was er sieht, raubt ihm den Atem. Das Gesicht des Motorradfahrers ist blutüberströmt. Mitten auf der Stirn klafft eine tiefe Platzwunde. „Hallo?“ ruft Olaf noch einmal, „können Sie mich hören?“. Ohne eine Reaktion abzuwarten, öffnet Olaf ihm die Jacke und fängt an, mit beiden Händen fest gegen den Brustkorb zu drücken. Im Wechsel bläst er ihm Luft in die Nase und drückt wieder gegen die Brust. „Wach auf!“ ruft er und schlägt dem Motorradfahrer dabei mehrmals leicht auf die Wange. Plötzlich hört er eine Stimme. Aber es ist nicht die Stimme des Motorradfahrers, es sind die Stimmen aus dem Auto. „He, was tust du denn da?“ empört sich die eine. „Das ist Körperverletzung!“ schimpft die andere. „Du tust ihm doch weh!“ eine Dritte. Es sind die Gefährten von Olaf. In schwarzen Gewändern stehen sie im Halbkreis um ihn herum. Doch Olaf ignoriert sie. Er macht einfach weiter. Massiert dem Motorradfahrer weiter sein Herz. Bläst ihm weiter Luft in die Nase und schlägt ihm ein weiteres Mal leicht ins Gesicht. „Verdammt nochmal“, schreit er, „wach endlich auf!“ Seinen Gefährten entgleisen die Gesichtszüge. „Jetzt fängt er auch noch an zu fluchen!“, stöhnt der eine. „Nicht gerade sehr vorbildlich!“, bemerkt der andere. „Besonders für einen Pastor völlig daneben!“, ergänzt der Dritte. Aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung tauchen Lichter auf. Ein Auto rast heran. Bremst mit quietschenden Reifen. Zwei Männer steigen aus. Einer hält eine Kamera in der Hand. „Was ist denn hier los?“ ruft derjenige ohne Kamera, „wir sind gerade auf dem Weg zu einem Drehtermin, da tut sich vor uns dieses Bild auf!“ Die zwei sind vom Fernsehen. Die drei Gefährten nehmen sie freundlich in Empfang. „Es gab einen Unfall“, berichtet der eine. „Wir sind hier, um zu helfen“, betont der andere. Der Mann mit Kamera macht sich daran, die Szene abzufilmen. Er hält alles fest, die entsetzten Gesichter, den Verletzen, das viele Blut. Der Mann ohne Kamera deutet auf Olaf, welcher immer noch verbissen um das Leben des Motorradfahrers kämpft. „Was macht der denn da?“ fragt er in die Runde, „weiß er denn, was er tut? Er bringt ihn noch um!“ Die drei Gefährten nicken fleißig. Alle fünf stehen nun um Olaf herum. Die Kamera hält alles fest. Wie Olaf drückt und bläst und schlägt. Dann auf einmal hält Olaf inne. Für einen Moment öffnet der Motorradfahrer die Augen. Seine Lippen versuchen Worte zu formen. „Wo bin ich?“ fragt er leise. „Alles ist gut!“ versucht ihn einer der Gefährten zu beruhigen. „Ich bin schrecklich müde!“ flüstert der Motorradfahrer. Noch mitten im Satz fallen ihm die Augen wieder zu. „Nein!“, schreit Olaf, und versucht abermals, ihm ins Gesicht zu schlagen. Doch die Umstehenden lassen ihn nicht. Zwei der Gefährten packen ihn, rufen dabei: Keine Gewalt!“ Olaf versucht sich zu wehren, aber die beiden Gefährten haben ihn fest im Griff. Der Dritte steht ihm Gegenüber, hebt in würdevoller Geste seine Hand. „Olaf lass ihn“, sagt er, „er hat seinen Frieden gefunden!“ Blaulicht rauscht heran. Zwei Polizisten steigen aus dem Auto. Der Mann ohne Kamera sprintet ihnen entgegen. Hinter ihm der Mann mit der Kamera. „Gut, dass Sie kommen!“, ruft der Mann ohne Kamera, „wir haben einen Toten!“ Er legt eine kurze Pause ein, um die Worte sacken zu lassen, dann zeigt er auf Olaf. „Dieser Mann da, er hat ihn umgebracht!“

  • Jesus und der Koran

    Will man das Christentum mit dem Islam vergleichen, dann sind die beiden wesentlichen Vergleichspunkte nicht Jesus und Mohammed, sondern Jesus und der Koran, denn nur diese beiden nehmen für sich in Anspruch, Gottes Wort zu sein. Stellt man also Jesus dem Koran gegenüber, dann fällt auf, dass der moralische Anspruch, den Jesus an den Menschen stellt, noch einmal um Längen radikaler ist als der Anspruch des Korans. Denn z.B. steht im Koran auf Mord die Todesstrafe. Ebenso wie im alten Testament der Bibel. Jesus hingegen geht das nicht weit genug, seiner Meinung nach hat man bereits die Todesstrafe verdient, wenn man jemanden in Gedanken umbringt, was schon dann der Fall ist, wenn man ihn hasst oder einen Idioten nennt.

    Logischerweise hat es unter diesen Voraussetzungen der Koran mit dem Justizvollzug einfacher als Jesus. Denn wenn jeder hunderttausendste Mensch einen Mord begeht, dann müssen lediglich 0,001% aller Menschen mit dem Tod bestraft werden, während die übrigen 99,999% mit dem Leben davon kommen. Bei Jesus sieht die Sache anders aus, denn wenn man ehrlich ist, sind es volle 100%, an denen die Todesstrafe vollzogen werden müsste. Selbstredend muss jemand, der ein derart radikales Konzept von Schuld hat, sofern ihm etwas an der Menschheit liegt und er nicht allesamt verdammen will, ein ebenso radikales Konzept von Gnade haben. Und so ist es Jesus dann auch, der die Menschheit eben nicht verdammt, sondern sich vor die Menschheit stellt, um an ihrer Stelle verdammt zu werden, so wie Mose ja bereits schreibt: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“

    Nun könnte man fragen, wenn das die Konsequenz ist, dass einer sterben muss, nur weil man seinen Nachbarn einen Idioten genannt hat, ob Jesus nicht vielleicht etwas übers Ziel hinaus geschossen ist. Auf der anderen Seite: Den Drang, schlecht über jemanden zu denken, kann man vielleicht zwei Wochen unterdrücken. Den Drang, über jemanden, über den man schlecht denkt, auch schlecht zu reden, vielleicht zwei Monate. Den Drang, jemanden, über den man schlecht redet, auch Schlechtes anzutun, vielleicht zwei Jahre. Aber wenn der Mensch wirklich für die Ewigkeit geboren ist, dann kann es nicht darum gehen, irgendetwas so lange wie möglich zu unterdrücken, sondern dann darf dieses Irgendetwas – das Monster in uns (ich erinnere an den alten Extreme-Klassiker, auch Nuno ist ein Grund, warum ich an Gott glaube) – überhaupt nicht existieren.

    Im Anbetracht der Ewigkeit kann es so gesehen letztendlich nicht darum gehen, dass der Mensch sich anstrengt, irgendetwas zu überwinden, was er aus eigener Kraft gar nicht überwinden kann, sondern dann muss Gott diesem Irgendetwas – das Monster, das Böse, dysfunktionale neuronale Strukturen – ein Ende setzen.

    Ist jemand schwer krank, sagt man gemeinhin, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Ist die ganze Menschheit krank, dann ist sie es, die einen Schatten hat. Ist Jesus für die gesamte Menschheit gestorben, dann liegt der Schatten auf ihm (weswegen es zum Zeitpunkt seines Todes möglicherweise auch zu einer Sonnenfinsternis gekommen ist). Ist Jesus auferstanden, dann ganz ohne Schatten. Ist er der Erste von Vielen, die es ihm gleichtun werden, dann bleibt auch unser Schatten im Grab – dann sind wir nicht mehr nur ein Schatten unserer selbst, sondern dann sind wir endlich ganz wir selbst.

  • Evolution und Mensch-ärgere-dich-nicht

    Mit der Evolutionstheorie ist es bei mir so, da würde ich mir gerne alle Optionen offen halten; für den Fall der Fälle, dass ich irgendwann einmal vor Gott stehe und die Frage danach wider Erwarten doch irgendwie wichtig sein sollte.

    Wenn Gott mich also fragt, warum ich denn nicht an die Evolutionstheorie geglaubt hätte, schließlich sei sie doch total logisch und vollkommen korrekt, dann könnte ich sagen, habe ich ja, doch wollte ich das vor meinen Glaubensbrüdern nicht so heraus posaunen, um keine unnötigen Zweifel zu säen.

    Und wenn Gott mich fragt, warum ich denn nicht an die 6-Tage-Schöpfung geglaubt hätte, schließlich würde das doch in der Bibel stehen, dann könnte ich sagen, habe ich ja, doch ebenso wie Paulus die Sache des Glaubens verfochten hat, indem er den Römern ein Römer wurde, so hätte ich, und dies mit den allerbesten Absichten, vor Darwinisten den Darwinisten gemimt.

    Und wenn mich Gott daran erinnern würde, dass er allmächtig ist und daher selbstredend keine 6 Tage zur Fertigstellung der Schöpfung benötigt hätte, weswegen der Schöpfungsbericht zwar keine historische, aber dafür eine literarische Wahrheit enthalten würde, wo hingegen die Evolutionstheorie völliger Quatsch sei, da sowieso alles noch einmal total anders abgelaufen wäre und daher die Menschen mit ihrem klein bisschen Verstand auch bloß nicht glauben sollten, sie hätten die Natur oder gar ihn, also Gott durchschaut – dann würde ich energisch mit dem Kopf nicken und sagen, dass ich ganz seiner Meinung sei, wobei ich das bisher für mich behalten hätte, um auf die Anderen nicht irgendwie überheblich oder neunmalklug zu wirken.

    Und in der Tat würde Letztgenanntes meiner ehrlichen Meinung wohl noch am Ehesten entsprechen, denn was den Schöpfungsbericht angeht, glaube ich, dass er das Leben und deren Entstehung und Bedeutung in großartigen Bildern skizziert, aber darüber hinaus keinen Anspruch auf naturwissenschaftliche Validität erhebt.

    Und was die Evolutionstheorie angeht, da tun sich für mich insofern Fragen auf, als dass meine Intention mir sagt, dass so etwas Großartiges wie das Leben nicht durch blinden Zufall entstanden sein kann, zumal Zufall ja auch immer ein Verlegenheitswort für etwas ist, dass man nicht so richtig versteht. Allerdings bin ich auch kein Biologe, weswegen ich aufpassen muss, nicht zu viel Quatsch von mir zu geben.

    Und dennoch will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich jetzt gerade, auf der meditativen Suche nach dem fehlenden Mosaik, welches erklären würde, das aus Zufall etwas Sinnvolles entstehen kann, an Mensch-ärgere-dich-nicht denken muss. Denn bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist größtenteils auch alles Zufall. Und trotzdem gibt es übergeordnete Regeln, die dem Zufall sozusagen auf die Sprünge helfen. Zum Beispiel diejenige, dass ich erst aus dem Häuschen komme, wenn ich einen Sechserpasch würfele (war das überhaupt so oder genügt eine Sechs?). Jedenfalls mag es Zufall sein, einen Sechserpasch zu würfeln, aber der Sprung aus dem Häuschen, was man ja auch eine Art zielführenden Entwicklungsschritt nennen könnte, wäre kein Zufall, sondern regelgeleitet.

    Und dann, neben dem Regelwerk, gibt es ja auch noch den Siegeswillen des Mitspielers, bzw. den Spieltrieb, der das Spiel vorantreibt. So wie es im echten Leben den Lebenstrieb gibt, der das Leben vorantreibt. Den Willen also von Lebewesen, zu leben und sich fortzupflanzen und weiter zu entwickeln. Und diesen Trieb haben ja nicht nur die Menschen, Tiere und Pflanzen, sondern hat in einem monadischen Sinne möglicherweise die ganze Natur.

    Zusammen genommen wäre der Zufall eine Art Spielplatz, auf dem sich das Leben austoben könnte, wobei es gleichzeitig übergeordnete Lebensregeln und einen von innen wirkenden Lebenstrieb gebe, welche das Spiel in eine bestimmte regel- und triebkonforme Richtung lenken. Und warum wäre das so? Möglicherweise, weil Gott nicht nur den Menschen, sondern auch die Natur mir einer gewissen Form von Freiheit ausgestattet hat, die sich, wie beim Menschen, im Wechselspiel zwischen Wille, Umstand und Regel entfaltet.

    Aber das muss man auch alles nicht so ernst nehmen, letztlich lasse ich gerade lediglich bei einem kühlen Bier die Gedanken schweifen.

  • Ich liebe dich!

    Laut Hannah Arendt müsste man „Ich liebe dich“ idealerweise mit „volo ut sis“ übersetzen – „Ich will, dass du bist!“ Das Gegenteil von „Ich liebe dich!“ würde demnach lauten: „Ich will, dass du nicht bist!“ Die höchste Form der Liebe müsste dies mit einbeziehen und sagen können: „Ich will, dass du bist, selbst, wenn du nicht willst, dass ich bin!“ Gott, wenn er die höchste Form der Liebe ist, müsste sich als derjenige herausstellen, der unser Leben will, selbst wenn wir seinen Tod wollen. Für die Göttlichkeit eines Menschen, der von sich selbst behauptet, Gottes Sohn zu sein, würde demnach sprechen, dass er genau diese Form der göttlichen Liebe praktiziert: Dass Leben der Menschen zu wollen, indem er sie heilt, und gleichzeitig in Kauf zu nehmen, dass sie ihn zum Dank ans Kreuz nageln. Stellt der römische Hauptmann unter dem (Eindruck vom) Kreuz fest, dass dieser Mensch tatsächlich Gottes Sohn war, dann fällt ihm in diesem Moment auf, dass (nur) göttliche Liebe das Böse überwindet, indem sie das Böse über sich ergehen lässt. Ist Jesus wirklich der rechtmäßige König dieser Welt, dann gehört zu seinem Regierungsprogramm zwar auch die Auge-um-Auge-Justiz, aber bei ihm bedeutet das: „Ich gebe dir, dem Blinden, Augenlicht, selbst wenn du mir alle Lichter auspustest!“

  • Über die Dreieinigkeit Gottes

    Manche sagen ja, die Bibel wäre sehr undeutlich, was die Dreieinigkeit Gottes angeht. Ich sehe das anders. Ich finde sie dafür, dass diese Wahrheit seinerzeit gerade erst geboren wurde und die Menschen erst einmal begreifen mussten, was es damit auf sich hat, schon sehr genau. Zumal es auch immer schwierig ist, dass eigentlich Unfassbare in Worte zu fassen. Oder hatte Kepler bereits eine umfassende Theorie über das Weltall? Oder Planck eine über die Quanten? Und so sollte es auch nicht verwundern, wenn am Anfang einer noch viel schwierigeren, weil transzendenten Angelegenheit keine vollständige Systematik steht. Später hat sich ja dann so einiges an Hintergrund dazu entwickelt, einen interessanten Aspekt finde ich diesen:

    Ausgehend davon, dass Gott Liebe in Person ist, kann er eigentlich nicht Liebe in einer Person sein, da Liebe ein relationales Konzept ist, d.h. zur Liebe gehören immer mindestens zwei; einer, von der sie ausgeht und ein anderer, der sie empfängt. Nun könnte man meinen, dass Gott uns gerade deswegen geschaffen hat, um jemanden lieben zu können, aber das wäre schon eine sehr kümmerliche Vorstellung von Gott, wenn er etwas außerhalb von sich selbst nötig hätte. So gesehen muss Gott, weil er in sich vollkommen ist, sich selbst auch vollkommen lieben können. Das kann er aber wie gesagt nur, wenn er aus mindestens zwei Personen besteht. Wäre es anders und Gott bestünde aus nur einer Person, müsste man sich zudem fragen, wie er dazu fähig ist, so viele Facetten von Liebe zu kreieren, obwohl er von sich selbst nur die Selbstliebe kennt.

    Wenn Gott nun aus zwei Personen bestehen würde, dann hätte er ein Ich und ein Du und seine Liebe könnte von einem zum anderen übergehen. Allerdings ist dies auch noch keine vollkommene Form von Liebe, da sich aus einem Ich und einem Du für sich genommen kein Wir entwickeln und somit auch keine vollkommene Gemeinschaft entstehen kann. Denn damit sich zwei nicht nur als Ich und Du, sondern als Wir verstehen, dürfen sie sich nicht gegenseitig anschauen, sondern müssen gemeinsam auf etwas Drittes blicken, das beide verbindet. Weil sich aber bei der Liebe jedes Denken an Exklusivität verbietet, geht es nicht darum, dass Zwei sich in Abgrenzung zu einem Dritten definieren, sondern darum, dass sie den Dritten mit in ihr Liebesspiel hineinnehmen. Vater und Sohn sind für den Geist da. Vater und Geist sind für den Sohn da. Und Geist und Sohn sind für den Vater da. Das ist das göttliche Wechselspiel, aus dem heraus man ihre Liebe zueinander vielleicht am besten versteht.

    Warum nun Gott etwas außerhalb von sich selbst schafft, obwohl er etwas außerhalb von sich selbst gar nicht nötig hat, bleibt sein großes Geheimnis. Immerhin kann man davon ausgehen, dass er genug Liebe übrig hat, um auch uns in dieses Wechselspiel mit aufzunehmen, denn eine Liebe, die sich gegenseitig immer wieder neu befeuert, die kann ja eigentlich gar nicht anders als überzufließen.

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