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  • Wollte Gott, dass Jesus geopfert wird?

    Mal abgesehen von der Jugendsprache, taucht das Wort „Opfer“ in unserem alltäglichen Sprachgebrauch ja kaum noch auf, weswegen es möglicherweise einiger Erklärung bedarf, was es heißt, dass „sich Jesus für uns geopfert hat.“ Ich fange damit schon wieder an, weil ich nach wie vor der festen Überzeugung bin, dass Leben, Tod und Auferstehung dieses Mannes den zentralen Ankerpunkt der Welt und Weltgeschichte bilden, weswegen man eigentlich gar nicht genug davon reden kann.

    Denke ich also an Opfer, dann kommt mir als Erstes das Wort „Verkehrsopfer“ in den Sinn. Und in der Tat ist das bei näherer Betrachtung gar nicht so weit entfernt vom biblischen Schuldopfer, denn schließlich kommt es zu einem Verkehrsopfer ja nur, wenn irgendjemand Schuld hat. Bleibt man daher bei dieser Metapher, dann könnte man die Passionsgeschichte vielleicht auch auf diese Weise nacherzählen:

    Ein Auto rast auf einen Abhang zu, weil der Fahrer es nicht für nötig hielt, das gottgegebene Navi einzuschalten und sich stattdessen dachte, scheiß auf die Dunkelheit, den Weg finde ich auch alleine. Und weil er so ein richtiger Besserwisser ist, will er auch nicht auf den wenige Kilometer zuvor aufgegabelten und scheinbar sehr ortskundigen Anhalter hören, der ihn auf den Abhang hinweist und dazu auffordert, doch bitte ganz schnell die Richtung zu wechseln. Was macht also der Anhalter, wenige Meter vor dem Abhang? Er schmeißt den Fahrer, wie auch immer er das schafft, aus dem Auto und stürzt alleine ins Verderben.

    Das Ganze erinnert etwas an Dietrich Bonhoeffers Ausspruch „Dem Rad in die Speichen fallen!“ und der Theologe N.T. Wright macht deutlich, dass dies exakt dem Selbstverständnis von Jesus entsprach, der es als seine ureigene Aufgabe verstand, sich vor das außer Kontrolle geratene und dem Abgrund entgegen rollende Weltenrad zu stürzen, um diesem dadurch einen neuen und entscheidenden Richtungsimpuls zu geben.

    Auf die Frage, ob Gott wirklich seinen eigenen Sohn opfern wollte, kann ich so gesehen nur antworten: Gott sei Dank wollte er das! Dass sich dahinter nicht Grausamkeit, sondern Liebe verbirgt, fällt einem allerdings meistens erst dann auf, wenn man selbst am Abgrund steht.

  • Das Böse und das Straßenloch

    Als ich gestern Abend in ein Straßenloch getreten bin, dachte ich mir, eigentlich ist es dumm, sich darüber zu ärgern, denn eigentlich ärgere ich mich gerade über etwas, das gar nicht da ist. Denn ein Loch, das gibt es in Wirklichkeit gar nicht, sondern es beschreibt lediglich das Fehlen von etwas – in diesem Fall das Fehlen von einem Stück Straße. Und da fiel mir auf, dass man sich immer wieder über Dinge ärgert, die es eigentlich gar nicht gibt. Über eine andere Person zum Beispiel. Die gibt es zwar, aber man ärgert sich streng genommen ja auch nicht über die Person, sondern über ihr Verhalten. Beziehungsweise über ihr Fehlverhalten. Also das fehlende Verhalten. Und somit wieder über etwas, das gar nicht da ist. So wie das Böse. Denn das Böse ist streng genommen ja auch nur ein Loch im Asphalt; ist nur das Fehlen von Gutem. Das Böse steckt immer im Nenner, hat jemand gesagt. Je mehr es sich aufplustert, desto weniger ist es. 1/10 ist wenig, aber ein 1/1000 ist so gut wie nichts, geht gegen Null, hieß es damals in Mathe. Oder der tote Maulwurf im Garten. Gestern Maulwurf, heute Knochen und morgen weg. Und das ist ja auch das Schöne am Bösen, es löst sich auf. Was heute fault, ist morgen schon nicht mehr da. Das Gute hingegen vermehrt sich. Wie der Maulwurf, wenn er nicht tot wäre. Dann würde er sich nützlich machen, den Garten umgraben oder Kinder kriegen. Aber das Böse, das vernichtet immer nur. Sich selbst und dummerweise auch alles andere. Das Böse ist ein Fresser, ein Parasit, der sich von Leben ernährt und Tod ausscheidet. Und darüber kann man sich natürlich schon ärgern. Aber was hilft`s, man kann das Böse nicht ändern, nicht einfach auf gut polen. Nur mit Gutem überschütten. In das Straßenloch Teer schütten. Und vielleicht den viel zu schweren Lastwagen – den viel zu schweren Gedanken – die Zufahrt verweigern.

  • Schwierige Bibelstellen: Abraham soll seinen Sohn opfern

    Mir gefällt die Auslegung von Jörg Splett, dass es bei der betreffenden Geschichte, die ich einfach mal als bekannt voraussetze, mehr um Glauben als um Gehorsam geht. D.h. es geht gar nicht so sehr darum, dass Abraham Gott in allem und selbst darin gehorsam ist, seinen Sohn zu opfern, sondern es geht eher darum, dass Abraham trotz allem an Gottes Verheißung festhält, dass Gott ihm in Isaak, und in keinem anderen, ein großes Volk bereiten wird. Letztlich geht es also um das Paradox, dass Gott Abraham einerseits verheißt, dass Isaak viele Nachkommen haben wird und andererseits Abraham befiehlt, Isaak zu opfern. Unfähig, das Paradox aufzulösen, bleibt Abraham nichts anderes übrig, als einerseits Gott zu glauben, indem er ihm gehorsam ist und andererseits Gott zu glauben, indem er auf seine Verheißung vertraut. Für Abraham gibt es so gesehen nur die eine Option: Isaak zu opfern und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass Gott ihn entweder im letzten Moment davon abhalten oder Isaak aus dem Tod wieder auferwecken wird. Und so heißt es im neuen Testament, z.B. im Hebräerbrief, ja dann auch, dass Abraham durch den Glauben gerecht wurde, weil er trotz allem an der Verheißung festhielt und sich dachte: „Gott kann auch von den Toten erwecken!“

    Den irritierenden Opfergedanken einmal beiseitegelassen, wäre es somit ungefähr das Gleiche, wenn Gott mich dazu anhalten würde, einen Lottoschein zu kaufen, wobei er mir versprechen würde, dass mich genau dieser Lottoschein und kein anderer zum Millionär machen wird. Nachdem aber nun tatsächlich die sechs Lottozahlen, die ich angekreuzt habe, gezogen werden, würde mich Gott auf einmal auffordern, den Lottoschein nicht einzulösen, sondern aufzuessen. Halte ich trotzdem an seinem Versprechen fest, dass mich genau dieser Lottoschein zum Millionär machen wird, dann können eigentlich nur zwei Dinge passieren: Entweder Gott hält mich in letzter Sekunde davon ab, den Lottoschein aufzuessen oder der Lottoschein verlässt meinen Körper genauso wie er ihn betreten hat (was ich allerdings beim Einlösen lieber für mich behalte).

    Bezogen auf den Abraham-Glauben spricht Paulus im Römerbrief von einer Hoffnung wider alle Hoffnung. Er hofft also nicht nur, sondern er hofft, obwohl es eigentlich gar nichts mehr zu hoffen gibt. Wenn also Gott Heil und Leben ist und daher echtes Leben nur von ihm kommt, währenddessen unser Leben mit Leid und Tod verbunden ist, dann geht es im Glauben wohl darum, auch im Leid und mit dem Tod vor Augen trotzdem an dem Gott des Heils und Lebens festzuhalten, um dadurch in eine tiefe Beziehung hineinzuwachsen, durch die überhaupt erst echtes Leben fließen kann.

  • Batman und der Banküberfall – eine Jesus-Analogie

    Ich wohne in Gotham City. Die Stadt, in der es niemals richtig hell wird. Viel Industrie, viele qualmende Hochöfen, aber auch eine beeindruckende Architektur. Eine Stadt aus Stein und Stahl. Und alles sehr verwinkelt. Viele Winkel, in denen das Verbrechen lauert. Nachts sollte man da besser zu Hause bleiben. Und auch nicht unbedingt Polizist werden. Lieber Versicherungsmakler, so wie ich. Denn wer mit Sicherheit handelt, der kann in Gotham gute Geschäfte machen.
    An jenem unheilvollen Tag hatte ich gerade Feierabend und wieder einmal nichts Bares in der Tasche. Nicht wegen Geldsorgen, mit Geld hatte ich noch nie ein Problem, aber in Gotham macht man es sich schnell zur Gewohnheit, niemals mehr einzustecken als unbedingt nötig. Ich also auf dem Weg zur Bank. Schnellen Schrittes durch die dichten Nebelschwaden, die Gotham einlullen wie Heroin den Abhängigen. Im Bankgebäude das immer gleiche Bild. Wartende Menschen vor dem Bankschalter. Ernste Gesichter. Wenn es um Geld geht, verstehen die Leute keinen Spaß. Ich reihe mich geduldig in die Schlange ein. Zehn vor mir, dann fünf, und auf einmal wird es laut. Ein schlecht geschminkter Clown mit Lippenstift und grünem Haar stürmt durch die Eingangstür. Im Gefolge mehrere schwer bewaffnete Männer. „Alle nach hinten auf den Boden, bitte!“ hallt es höflich, aber bestimmt durch den Raum. Ich sehe den Clown hektisch mit seiner Knarre herumfuchteln und beschließe, einfach zu tun, was er sagt. Im abgelegenen hinteren Teil des Raums hocke ich mich neben einen Herrn mittleren Alters, Marke hüftsteifer Anzugträger mit konservativem Seitenscheitel. Von dort aus beobachten wir, wie auf Geheiß des Clowns hin die Eingangstüren verriegelt werden. Während seine Schergen ihre Arbeit verrichten, nutzt der Clown die Zeit für eine Ansprache. Leicht hinkend wackelt er auf uns zu. „Meine Damen und Herren, Sie sind von jetzt an meine Geiseln. Ich muss Sie bitten, sich ruhig zu verhalten und keine Dummheiten anzustellen. Wenn alles glatt läuft, bin ich guter Dinge, Sie schon bald wieder aus dieser für Sie sicherlich unangenehmen Situation entlassen zu dürfen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!“ Er sagt es und humpelt wieder in Richtung Bankschalter. Zwei seiner Gorillas behalten uns mit etwas Abstand im Auge. Die nächsten Minuten verharre ich stillschweigend auf dem Boden. Minuten, die sich wie Stunden anfühlen. Aus Angst wird Ungeduld. Ich frage mich, wo er bleibt. Ob er überhaupt kommt. Aber er kommt doch immer! Batman. Der Held Gothams. Wo das Verbrechen naht, ist er nicht fern. Wo es dunkel wird, strahlt sein Licht. Seid auf der Hut, böse Menschen von Gotham, denn euer größter Feind ist bereits auf dem Weg. Und er hat keine gute Laune im Gepäck!
    „Batman lässt sich ganz schön viel Zeit“, flüstere ich meinem hüftsteifen Nachbarn ins Ohr.
    „Batman kommt heute nicht!“ höre ich ihn säuseln.
    „Du darfst den Mut nicht verlieren, Mann. Batman kommt auf jeden Fall, er kommt immer!“
    „Nein, heute nicht, ich weiß es ganz bestimmt“.
    „Und woher willst du das wissen?“
    „Ich bin Batman. Er kommt nicht, weil er schon da ist.“
    Ich versuche mein Lachen irgendwie zu unterdrücken. „Du willst Batman sein? Ein Batman für Arme bist du!“
    „Das ist wahr, für wen auch sonst, wenn nicht für die Armen?“
    „Was sagst du da? Und überhaupt, wenn du Batman bist, was sitzt du denn hier herum? Als Geisel auf dem Boden! Lässt dich einfach gefangen nehmen! Der Batman, den ich kenne, würde die Tür sprengen und mit seinem Batmobil den verdammten Clown überfahren!“
    „Hört sich lustig an, aber deswegen bin ich nicht hier.“
    „Du bist nicht hier, um dem Spuk ein Ende zu machen? Weswegen dann, Banktermin, oder handelt der feine Herr Batman neuerdings mit Aktien?“
    „Um ehrlich zu sein bin ich wegen dir hier.“
    „Wegen mir???“
    „Und ja, ich will dem Spuk ein Ende machen. Ich will dir sagen, dass du kein Geld abheben sollst. Du sollst das Geld nicht für die Prostituierte ausgeben, zu der du unterwegs bist. Du sollst nach Hause gehen und dich um deine Frau und deine Kinder kümmern!“
    Ich glotze ihn entgeistert an, spüre, wie mir das Blut in den Adern gerinnt.
    „Wer bist du?“
    „Ich bin Batman!“
    Dann geht alles ganz schnell. Schweiß steht mir auf der Stirn. Mein Gehirn ist blockiert. Ich springe auf und schreie ihn an: „Du willst Batman sein? Wenn du Batman bist, dann beweise es und hilf uns hier raus!“ Hinter mir bricht schlagartig Tumult aus. „Halts Maul, hinsetzen!“ brüllt einer der beiden Gorillas, die Waffe im Anschlag. Wie von Sinnen brülle ich zurück: „Ihr wollt Batman? Hier ist Batman!“ Der Mann, der sich für Batman hält, steht ebenfalls auf, versucht, mich zum Hinsetzen zu bewegen. Dann fällt ein Schuss. Ich blicke hinüber zum Clown, sehe sein hässliches Grinsen. Es ist auf einmal totenstill im Raum. Alle Augen sind auf den Mann neben mir gerichtet, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Ich versuche, ihn zu stützen, aber sein Gewicht zieht mich mit runter. Wir beiden stürzen zu Boden, er in meine Arme. Ich sehe, wie Blut aus seinem Mundwinkel fließt. Mit allerletzter Kraft bewegt er noch einmal die Lippen. „War nett, dich kennengelernt zu haben!“, stammelt er. Und das waren sie. Die letzten Worte eines toten Mannes. Die letzten Worte von Batman.

  • Warum es gut ist, dass Paderborn und Freiburg abgestiegen sind und Niederlagen zum Leben dazu gehören

    Da sind gestern wieder eine Menge Krokodilstränen geflossen. Bei den Zuschauern, bei den Spielern. In Freiburg, in Paderborn. Und bald dann auch in Hamburg. Jedenfalls dachte ich mir, der ich das Ganze (als Dortmund-Fan) eher mit neutralen Gefühlen mit angesehen habe, dass etwas Leid zum Leben doch auch dazu gehört. Oder wo kämen wir hin, wenn ein ehemaliger Waldorfschüler zum nächsten DFB-Präsidenten gewählt würde und er als erste Amtshandlung die Abstiegsränge abschaffen würde, so dass am Ende der Saison alle lachen und keiner mehr weinen muss. Und wenn er schon dabei ist, würde er gleich noch die Meisterschaft mit abschaffen, denn wenn man ehrlich ist, gewinnen Gewinner ja sowieso immer nur auf Kosten von Verlieren. Punkte gebe es natürlich auch nicht mehr, nur noch Freundschaftsspiele. Keine Niederlagen, keine Gegner, kein brutales Umbolzen, keine Tränen. Eine Reform der Liebe und Menschlichkeit!

    Und wenn er dann nach getaner Arbeit nach Hause käme, dann würden da wahrscheinlich seine über vierzigjährigen Kinder auf ihn warten, die immer noch bei ihm wohnen, weil er es nie übers Herz gebracht hätte, sie rauszuschmeißen; herzlos in die kalte, raue Welt zu schubsen. Ja, sogar gut möglich, dass sie immer noch im Laufstall säßen, da er seine große Sorge, sie könnten jenseits der Stäbe stürzen oder gar sterben, nie ganz ablegen konnte. Und seine Frau? Seine Frau wäre wahrscheinlich ziemlich dick. Denn nicht nur, dass er sie aus lauter Liebe nach Strich und Faden verwöhnt hätte. Mit Frühstück im Bett und Erdbeeren im Bett und Pralinen im Bett. Er hätte sie gleichsam auf Händen getragen. Und das buchstäblich. Den ganzen Tag. Bis sie gar nicht mehr alleine hätte gehen können. Und dann hätte sie vielleicht gerne etwas Sport gemacht, aber er hätte es nicht mit ansehen können, wie sie sich quält und abmüht. Und sie hätte gerne eine Diät gemacht, aber sie hungern zu sehen, das wäre für ihn das Schlimmste gewesen. Und so wäre sie wahrscheinlich schnell krank geworden. Und er wäre froh gewesen, sich um sie kümmern zu dürfen.

    Es sollte klar sein, dass das Leben ein Kampf ist, den man annehmen muss und zu dem Leiden und Niederlagen zwangsläufig dazu gehören. Auf der anderen Seite würde ich aber nun auch nicht behaupten wollen, dass man leiden muss, um überhaupt glücklich zu sein. Oder dass man unbedingt drei unglückliche Beziehungen gehabt haben muss, um eine glückliche genießen zu können. Vielmehr ist es doch so, dass ich eine glückliche Beziehung genieße, weil sie glücklich ist und an einer unglücklichen Beziehung leide, weil sie verdammt nochmal eigentlich glücklich sein sollte. Oder Paderborn und Freiburg – die leiden nicht daran, jetzt in der zweiten Liga kicken zu müssen, sondern die leiden daran, nicht mehr in der ersten Liga spielen zu dürfen. Und da kann ich nur sagen, Gott sei Dank ist das Leben so eingerichtet, dass es nach Glück und nicht nach Leid strebt und somit der Mensch zwar glücklich ist, weil er glücklich ist, aber nicht leidet, weil er leidet, sondern leidet, weil er nicht glücklich ist, aber gerne glücklich wäre.

  • Am Kreuz – hat der Vater den Sohn verlassen?

    Mein Gott warum hast du mich verlassen? fragt Jesus am Kreuz. Drei Bilder habe ich dazu im Kopf. Aus Mangel an Talent kann ich sie aber nicht aufmalen, sondern bin gezwungen, sie irgendwie aufzuschreiben. Und weil es mir zudem an theologischer Expertise fehlt, will ich sie gar nicht groß bewerten, sondern einfach unkommentiert nebeneinander stehen lassen.

    Das erste Bild: Die Sünde trennt den Sohn vom Vater
    Der Sohn wird ans Kreuz geschlagen. Der Vater nimmt den Menschen ihre Schuld von den Schultern und überschüttet damit den Sohn. Der Sohn lässt es geschehen, weil er weiß, dass dies seine Bestimmung ist. Er ist es, der die letzte Meile zu gehen hat. Die ganze Last der Menschheit zu tragen hat. Der Sohn ist von einem stinkenden Berg Sünde überhäuft. Und die Sünde? Die tut das, was Sünde eben tut. Sie trennt einen vom anderen. Täter vom Opfer. Mensch von Mensch. Und Mensch von Gott.

    Das zweite Bild: Der Sohn sieht den Vater nicht mehr
    Der Sohn wird ans Kreuz geschlagen. Soldaten spielen um seine Kleider. Eine Traube von Menschen gafft ihn an, spottet über ihn. Er spürt die Peitschenhiebe. Er spürt die Nägel. Seine Lungen brennen. Er ringt um Atem. Dämonen schwirren um ihn herum, spucken ihn an. Der Sohn hat Angst. Dann passiert Seltsames. Das Kreuz reagiert wie ein Magnet. Es zieht die Sünde an. Das Gespött um ihn herum. Jeden bösen Gedanken. Jede böse Tat. Aus der Umgebung. Aus der ganzen Welt. Aus Zeit und Raum. Alle Sünden kommen zusammen, umklammern ihn, beißen sich an ihm fest, wollen ihn erwürgen. Es spürt sie. Jeden Mord. Jede Lüge. Jedes Verbrechen. Die Sünde nimmt ihm die Sicht. Macht ihn blind. Er sieht nichts mehr. Er sieht den Vater nicht mehr. Doch der Vater ist da.

    Das dritte Bild: Aus des Vaters Hand gerissen
    Der Vater hält den Sohn an der Hand. Menschen kommen heran. Sie grapschen nach dem Sohn. Versuchen ihn dem Vater zu entreißen. Sie wollen ihn nicht. Sie wollen nicht, dass er ihr König ist. Sie wollen selbst herrschen. Jeder über sein eigenes Leben. Jeder über den anderen. Die Traube der Menschen wird immer größer. Am Ende umfasst sie jeden, der jemals gelebt hat. Der jemals über andere geherrscht hat. Der jemals andere erniedrigt hat. Der jemals sich selbst erniedrigt hat. Mit vereinten Kräften zerren sie am Sohn. Der Sohn droht dem Vater zu entgleiten. Der Vater könnte die Hand heben und alle Menschen wären tot. Doch er tut es nicht. Der Sohn könnte den Vater bitten, die Hand zu heben, doch er tut es nicht. Die Menschen erreichen ihr Ziel. Sie packen den Sohn und schlagen ihn ans Kreuz. Der Sohn stirbt getrennt vom Vater.

    Vielleicht sollte ich abschließend erwähnen, dass der Ausspruch „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ein Zitat aus Psalm 22 ist, wobei es im Judentum scheinbar üblich war, den Anfang eines Psalms stellvertretend für den gesamten Psalm zu rezitieren. Der Psalm 22 fängt nun zwar trostlos an, doch er mündet in einem hoffnungsvollen Gebet, dass Gott zur Hilfe eilen wird und am Ende alles gut macht. So wie der Psalmist also weiß, dass Gott ihn schlussendlich aus „dem Rachen des Löwen befreien wird“, so ist sich trotz allen Unheils auch Jesus gewiss, dass sein Vater ihn nicht im Stich lässt und die Macht dazu hat, ihn selbst aus dem Rachen des Todes zu befreien.

  • Hegel und etwas Medienkritik

    Ich nutze die feierabendlichen Stunden im Fitnessstudio, um noch etwas in Jörg Spletts Vorlesung zu Hegel reinzuhören. Die Entwicklung des Menschen betreffend spricht letzterer von einer menschenspezifischen Fähigkeit zur Reflexion, die Dinge nicht nur „für mich“, sondern „an sich“ zu erkennen. D.h. der Mensch sagt nicht mehr nur „Die Sonne ist ein gelber, warmer Ball“, sondern er ist dazu imstande, von sich selbst Abstand zu nehmen und z.B. festzustellen, dass die Sonne an sich aus Wasserstoff und Helium besteht. Da aber auch dieses Wissen nur Stückwerk ist und alles auch ganz anders sein kann, geht Hegel dann doch nicht so weit zu sagen, dass der Mensch die Dinge „an sich“ erkennt, sondern lediglich „an sich für mich“. D.h. der Mensch kann die Dinge zwar einordnen und bewerten, aber immer nur aus seiner Perspektive und auch nur mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

    Sind nun echte und aufrichtige Wissenschaftler am Werk, dann sind sie in aller Regel bescheiden genug, dies anzuerkennen und z.B. wie der englische Gelehrte N.T. Wright zuzugeben, sich zwar darüber im Klaren zu sein, dass die Hälfte von alledem, was er zu sagen hat, falsch ist, er aber dummerweise nicht weiß, welche Hälfe dies betrifft.

    Werden nun die wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Masse zugänglich gemacht, dann passiert das größtenteils über die Medien. Weil es aber deren Aufgabe ist, die meist sehr komplexen Erkenntnisse irgendwie verständlich zu machen, werden diese üblicherweise zunächst einmal auf ein geistiges Minimum heruntergekocht. Schwachpunkte einer Erkenntnis oder gegensätzliche Meinungen werden dabei im Sinne der Einfachheit gerne ignoriert. Und weil die Medien zudem auch nicht unvoreingenommen an die Wissenschaft herantreten, sondern sich in der Regel nur diejenigen Erkenntnisse herauspicken, die ihre hausinterne Ideologie untermauern, werden eigentlich vage und vorläufige Ergebnisse schnell zur allgemeinen Norm erhoben. Diese findet dann dank viraler Verbreitung Einlass ins gesellschaftliche Miteinander und weil es der Einzelne auch nicht besser weiß, beugt er sich dem viralen Druck und integriert Dinge in sein Weltbild, die eigentlich noch auf Überprüfung warten. Aus der ehrlichen Weise, die Dinge „an sich für mich“ zu sehen, wird ein gefährliches „Die Dinge sind an sich so wie ich sie sehe!“, wobei die Möglichkeit, dass die Dinge auch völlig anders sein könnten, gar nicht mehr in Betracht gezogen wird.

    So verlockend es daher für uns Herdentiere auch ist, sich einem gesellschaftlichen Konsens anzuschließen, stehen wir damit nicht zwangsläufig auf der richtigen Seite, sondern ich würde sogar ganz im Gegenteil den Verdacht äußern, dass hinter der (medialen) Vehemenz, mit der ein gesellschaftlicher Konsens vorangetrieben wird, meistens ganz andere Motive stecken als die reine Wahrheitsliebe.

  • Himmelfahrt – was bedeutet das?

    Da selbst Google mir einen schönen Vatertag wünscht, halte ich es für angemessen, mal etwas über die eigentliche Bedeutung von Himmelfahrt zu schreiben.

    Das betreffende Ereignis steht in den Evangelien, aber auch am Anfang der Apostelgeschichte:

    „Und als er (Jesus) das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“

    Nun kann man sich über die Historizität dieser Begebenheit streiten, aber viel wichtiger ist der Gesamtkontext, in den sie eingebettet ist. D.h. kein Jude wird wohl diese Textpassage gelesen haben, ohne die Obertöne aus der Parallelstelle in Daniel 7 mit zu bedenken.

    „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“

    Manche sagen, die Prophetie bezieht sich auf das Wiedererscheinen von Jesus am letzten Tag, aber wenn dem so wäre, dann wäre die Richtung falsch. D.h. die Vision spielt nicht auf der Erde, sondern im Himmel, von wo aus Daniel jemanden unter ihm aus den Wolken durchbrechen und zu Gott aufsteigen sieht.

    Ist dem aber so und die Vision betrifft Himmelfahrt, dann erfüllt sich mit der Vision auch das Folgegeschehen. D.h. wenn Jesus in den Himmel fährt und ihm Macht über alle Völker gegeben wird, dann geht es bei Himmelfahrt nicht darum, dass Jesus die Erde verlässt, sondern ganz im Gegenteil, dass er die Herrschaft über die Erde antritt. Der Himmel ist somit kein fremder Ort, keine Parallelwelt, sondern der Himmel ist die Schaltzentrale der Erde. Dies bedacht, geht es bei Himmelfahrt also letztlich um nichts Geringeres als die Inthronisierung eines Königs.

    Wenn Jesus aber seit nunmehr 2000 Jahren an der Macht ist, dann kann man sich natürlich fragen, ob er in Anbetracht von Auschwitz und dergleichen seinen Job gut macht. Dazu wäre vieles zu sagen, ich will es dabei belassen, dass Jesus eine Sorte von König ist, der mit den Füßen gewählt wird. D.h. nicht wir geben Jesus unsere Stimme und er kümmert sich um alles, sondern Jesus gibt uns seine Stimme und wir reden und handeln in seinem Namen.

  • Mein MP3 Player und die Grundfesten des Glaubens

    Im Grunde bin ich mit meinem MP3 Player sehr zufrieden. Kristallklarer Sound und ein Bass, da wummert es ordentlich in den Ohren. Einziges Manko: Die On/Off Taste ist leider sehr empfindlich, so dass das Ding manchmal einfach so angeht. Passiert das unbemerkt, frisst das den ganzen Akku auf, was dann, wenn ich ihn anschließend benutzen will, natürlich sehr ärgerlich ist. Fast hätte ich dazu letztens auch schon eine Amazon-Kundenrezension geschrieben, so von wegen, vier Punkte, super Teil, aber leider äußerst empfindliche On/Off Taste. Gott sei Dank habe ich es gelassen, denn gerade eben ist mir aufgefallen, dass sich versteckt an der Seite noch eine „Hold“-Taste befindet. Drücke ich diese, kann auch bei schwerster Erschütterung nichts mehr passieren.

    Wie nun mit dem MP3 Player, so ist das im Grunde auch mit Gott. Das heißt, auch ihm gegenüber habe ich ein Grundgefühl, dass er gut ist und dementsprechend auch seine geschaffene Welt gut sein muss. Nehme ich nun wahr, dass Gott Dinge tut, die ich nicht verstehe (z.B. ganze Völker zu bestrafen oder auf scheinbar lässliche Vergehen drakonische Strafen zu verhängen) oder passieren auf seiner Welt Dinge, die ich nicht verstehe (z.B. Erdbeben oder Krankheiten), dann mahnt mich mein MP3 Player: Man sollte nicht vorschnell urteilen, sondern in der Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, die Dinge auch mal stehen lassen können.

    Die natürliche Richtung des (christlichen) Glaubens ist nämlich, dass man eine unmittelbare Gotteserfahrung macht, die sich tief in das menschliche Herz eingräbt und mittels Gefühl und Verstand die Überzeugung keimen lässt, dass Gott absolut vertrauenswürdig ist. Ist man aber erst einmal zu dieser Grundüberzeugung gelangt, dann wird man automatisch jede Erkenntnis oder Erfahrung, die man über oder mit Gott macht, diesem Grundgefühl unterordnen. So wie ein Kind von guten Eltern: Obwohl es hin und wieder bestraft wird oder etwas essen muss, was überhaupt nicht schmeckt, weiß es doch, dass die Eltern, in allem, was sie tun, es eigentlich gut mit einem meinen.

    Die unnatürliche Richtung des Glaubens wäre hingegen, wenn man diese Grunderfahrung nie gemacht hätte und stattdessen, von einer Pro- und Contra-Liste ausgehend, zu der Überzeugung kommt, das Gott entweder gut oder böse ist, bzw. es ihn gar nicht gibt. Geht man so an die Dinge heran, stellt sich allerdings das Problem, dass man nie wirklich wissen kann, ob Gott gut, böse oder gar nicht vorhanden ist, da sowohl die Pro- als auch die Contra-Seite gezwungenermaßen, weil niemand alles weiß, immer unvollendet bleibt. D.h. selbst wenn man auf der Pro-Seite gerade drei Argumente mehr verbuchen kann, wird man sich niemals sicher sein können, ob, alles zusammen genommen, nicht doch die Contra-Seite länger ist.

    Insofern das menschliche Erkenntnisvermögen also unvollkommen ist, kann verlässliche Erkenntnis über Gott nur aus Gott selbst kommen. Und demgemäß heißt es auch in einem meiner Lieblingsverse aus der Bibel:

    „Denn derselbe Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht hervorstrahlen!, der hat es auch in unseren Herzen hell werden lassen, sodass wir in der Person von Jesus Christus den vollen Glanz von Gottes Herrlichkeit erkennen.“

    Fernab von jedwedem Erlebnisglauben ist es also Gott, der still und heimlich die Erkenntnis Gottes direkt in unser Herz fließen lässt. Allerdings nicht als abstraktes Gefühl, dass Gott Liebe ist, sondern als konkreter Hinweis auf die Person Jesus. Denn wenn eben dieser sagt und danach handelt, dass niemand größere Liebe hat als der, welcher sein Leben für seine Freunde (und gar Feinde) lässt, dann führt die Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, nur über die Grunderfahrung, dass Gott am Kreuz gestorben ist. In diesem Bewusstsein können viele Fragen unbeantwortet bleiben – und dennoch weiß man, dass es auf alles eine zufriedenstellende Antwort gibt. Und nur mit der tiefen Gewissheit, die Wahrheit bereits in sich zu tragen, kann man dann auch Zeiten der Ungewissheit ganz gut aushalten, so wie es sehr schön in einem Gedicht von Goethe beschrieben steht:

    Wer will denn alles gleich ergründen!
    Sobald der Schnee schmilzt, wird sich’s finden.
    Hier hilft nun weiter kein Bemühn!
    Sind’s Rosen, nun sie werden blühn.

  • Notiz: Evolution, Gott und Leid

    Man könnte sich fragen, ob Gott nicht auch eine Welt ohne Leid hätte schaffen können. Antwort: Hätte er, aber dann auch ohne Menschen. Jedenfalls unter evolutionären Gesichtspunkten betrachtet. Denn allerletzten Endes sind es die Naturgesetze, die sowohl für Glück als auch für Leid verantwortlich sind – beispielsweise das Glück, zu fliegen und das Leid, abstürzen zu können. Dieselben Naturgesetze sind es aber auch, die laut anthropischem Prinzip den Menschen hervorgebracht haben. D.h. dass überhaupt der Mensch aus der Evolution hervorgegangen ist, ist kein Zufall, sondern die Natur neigt scheinbar dazu, sich unter den Lebensbedingungen, die von den Naturgesetzen diktiert werden, in Richtung Mensch zu entwickeln, bzw. Intelligenz und Sinnesorgane herauszubilden und als Summe dieser Auswüchse irgendwann den Menschen. Würde man nun die Naturgesetze etwas anders justieren, könnte man sich Lebensbedingungen für eine Welt ohne Leid vorstellen. Weil aber die Existenz des Menschen an die Naturgesetze, so wie sie sind, geknüpft ist, wäre eine Welt mit abgeänderten Naturgesetzen kein für den Menschen geeigneter Lebensraum. Insofern hat Leibniz vermutlich Recht und wir leben tatsächlich in der bestmöglichen aller Welten. D.h. würde man das komplexe Zusammenspiel von Naturgesetzen und Lebensbedingungen wirklich verstehen, dann würde man sehr wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass menschliches Leben nur in diesem spezifischen Rahmen entstehen konnte. Ob es sich aus diesem Rahmen heraus evolviert oder ob Gott das menschliche Leben auf eine Weise verändert, dass es auf einmal unter anderen Lebensbedingungen funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist das Leben, so wie wir es kennen, scheinbar nur als „Package Deal“ zu haben.

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